Kapitel 1 (19.01.2003)

Schönen guten Tag an alle Zuhause! Meiner sibirischen Tradition folgend hier nun ein Moskau-Report. Wie viele von euch noch nicht wissen, bin ich seit dem 1.12.02 bei der XXX (Firmenname gestrichen), die machen Marketing Research und Marktforschung, in deren Moskauer Niederlassung beschäftigt. Momentan noch als Junior-Research-Consultant, wie es auf neudeutsch so schön heißt. Nach einer Einarbeitungsphase von ca. drei Monaten soll ich das, auf neurussisch so genannte, Western-Client-Management übernehmen. Ich bin zwar seit dem 1.12. bei denen unter Vertrag, allerdings erst seit dem 27.12. in Moskau, und damit fangen die Abenteuer schon an. In Russland gelten seit dem 1.11. neue Gesetze für Ausländer, wobei der genialste Schachzug war, die Zuständigkeit für Visa u.ä. aus dem Außenministerium ins Innenministerium zu verlagern, ohne irgendwelche Vorschriften zu erlassen, wie denn die dortigen Beamten bei der Visavergabe vorzugehen hätten. Aus diesem Grunde hat meine Firma seit vier Monaten erfolglos versucht, den Antrag für meine Arbeitsgenehmigung einzureichen. Die Antwort war in etwa immer: "wir wissen nicht, wie wir verfahren sollen und nehmen deshalb keine Anträge an". Der Antrag auf ein Geschäftsjahresvisum, den zu stellen mein Arbeitgeber vor dem 1.11. versäumt hatte, erhielt bisher die gleiche Antwort: "wir wissen nicht, was wir damit machen sollen, also nehmen wir ihn nicht an". Deshalb kann man nach Russland momentan nur mit Einmonats-Touristenvisa oder Dreimontas-Geschäftsvisa einreisen, muss nach dieser Zeit wieder raus und ein neues Visum beantragen. Laut Auskunft der deutschen Botschaft in Moskau und der Delegation der deutschen Wirtschaft in Moskau betrifft das zurzeit alle ausländischen Geschäftsleute, die es nicht geschafft haben, vor dem 1.11. ein Jahresvisum zu bekommen. Wenn man sich die so verursachte Reisetätigkeit vorstellt, kann einem fast der Verdacht kommen, bei der ganzen Veranstaltung handelt es sich um ein Aeroflot-Unterstützungsprogramm.

Zurück zu mir. Für mich bedeutet das konkret, dass ich am 15.3. für drei bis vier Tage wieder nach Berlin muss, um ein neues Visum zu bekommen, dann in drei Monaten wieder usw. Bis der russische Gesetzgeber endlich aus der Hüfte kommt und die entsprechenden Verordnungen erlässt, wobei er aber wohl nicht so richtig in Eile ist. Das Dumme ist, dass so auch nicht planbar ist, bei wem und für wie lange ich mich irgendwo einquartieren kann. Ein sehr günstig gelegenes und nicht sehr teures Zimmer ist mir deshalb entgangen. Bis zum 15.3. wohne ich jetzt bei einem bekannten Rentnerpaar fast in der Stadtmitte, allerdings ist das Zimmer sehr klein (passt gerade das Bett und der Kleiderschrank rein) und die Sache ist auch zeitlich begrenzt. Ab Ende März komme ich dann wohl bei der Mutter eines Freundes unter, leider muss ich dann jeden Morgen 1,5 Std. quer durch die ganze Stadt zur Arbeit fahren. Auch nicht so der Kracher. Eine Wohnung mieten ist bei den hiesigen Mieten und meiner Gesamtsituation überhaupt nicht drin. Wie lange sich meine Firma es leisten kann, mich alle drei Monate für einige Tage nach Deutschland zu schicken ist genauso wenig klar, wie die Antwort auf die Frage, wann die Russen endlich wieder längerfristige Visa ausgeben. Es bleibt also spannend.

Nachdemalso der allgemeine Rahmen meines Hier seins beschrieben ist, nun zum alltäglichen. Meine Abreise begann schon sehr typisch für meinen bisherigen Aufenthalt hier. Aeroflot verweigerte zunächst das Einchecken der Passagiere in Schönefeld, um uns dann mitzuteilen, die Maschine habe fünf Stunden Verspätung. Auf meine Frage, ob ich von ihrem Büro aus in Moskau anrufen und meine dort wartenden und mich abholenden Freunde anrufen könne, hieß es, ich sei ja noch nicht eingecheckt, Aeroflot habe also keine Verantwortung mir gegenüber, ich solle mal schön auf eigene Kosten von der Telefonzelle aus anrufen (hat mich fast 20 EUR gekostet). Deshalb hatten die also das Einchecken verweigert, sie mussten sich um die Passagiere nicht weiter kümmern. Das war aus ihrer Sicht auch sehr pfiffig, da sich der Abflug im Stundentakt (man hätte ja sonst nach hause fahren und etwas schlafen können) um insgesamt neun Stunden verschob. Der Flug selber verlief dann störungsfrei.

In Moskau selber hatte ich zwei Stunden zu warten, da mein Abholer nicht früher konnte, hab mir aber die Zeit damit vertrieben, eine deutsche Familie, die kein russisch konnte und wegen der Verspätung ihren Anschlussflug nach Ekaterinburg versäumt hatte, auf Aeroflotkosten in einem Hotel unterzubringen und den Weiterflug umzubuchen. Ohne Sprachkenntnisse wären die glatt verhungert, da Aeroflot sich auch nicht weiter um die entsprechenden Fluggäste kümmern wollte. Die ganze Sache hatte auch für mich den Vorteil, dass ich gleich meine Freundin, die aus Novosibirsk nach Moskau kam, um mit mir Sylvester zu feiern, direkt mit vom Flughafen abholen konnte und nicht extra wieder aus der Stadt raus musste. Always look at the bright side of life. In Moskau waren übrigens an dem Tag minus 28 (!) Grad, was aber wegen der absolut trockenen Luft nicht halb so gemein ist, wie bei uns minus 5. Man zieht sich warm an und dann ist gut. Keine Feuchtigkeit, die in jede noch so dicke Jacke kriecht. Momentan haben wir plus zwei und Regen und das ist weitaus fieser.

Zum Thema Straßenverkehr: Auf dem Weg zur Arbeit fahre ich erst mit der U-Bahn und dann mit einer so genannten Marschrutka, das ist eine Mischung aus Sammeltaxi und Busservice. Die dort eingesetzten Autos sind eine russische Ford-Transit-Variante (etwas größer). Da morgens immer Stau herrscht, wechseln die Fahrer dieser Gefährte schon mal öfters auf den Bürgersteig und fahren ein bis zwei Kilometer am Stau vorbei, bis sie wieder auf die Fahrbahn wechseln. Hat mich schwer beeindruckt dies Kaltschnäuzigkeit.

Noch eine Visa-verwandte Geschichte zum Abschluss. Jeder Ausländer in Russland muss sich innerhalb von drei Werktagen nach seiner Ankunft registrieren lassen, was wegen der ganzen Formalitäten kaum zu schaffen ist. Früher wurde das recht locker gehandhabt, seit aber das Innenministerium (der Hort russischer Bürokratie und Bürgerschikane) die Sache verantwortet, verstehen die in der Sache keinen Spaß mehr. Wegen der reichlichen russischen Feiertage um Sylvester herum hatte meine Firma es versäumt, mich rechtzeitig zu registrieren, weshalb ich mit dem Office-Manager zur nächsten Polizeiwache musste, um Strafe zu zahlen. Bei unsrer Ankunft wusste dort niemand was von den neuen Bestimmungen und in der ganzen Wache fanden sich auch nicht die nötigen Formulare, die für den Fall vorgesehen waren. Wir sollten also am nächsten Tag wiederkommen. Gesagt getan nur dass es die Formulare bis dahin immer noch nicht gab. Also wurde hin- und herüberlegt und schließlich ein Ausweg gefunden, dann wurde ich durch den Zellenblock in ein Verhörzimmer geführt (was mir einen beeindruckenden Einblick in die Ausstattung russischer Justizprofanbauten gestattete), wo ich ein Protokoll unterschreiben musste, dass ich eine Ordnungswidrigkeit begangen hätte, indem ich es nicht geschafft habe, mich rechtzeitig zu registrieren. (Als Anmerkung: wenn jetzt innerhalb eines Jahres auch nur irgend ein Polizist meint, ich hätte ein Ausländergesetz verletzt, kann mir mein Visum aberkannt und ich für unbestimmte Zeit des Landes verwiesen werden, zwei Ordnungswidrigkeiten und du bist raus). Der anwesende Bulle war sehr freundlich, machte uns für die Meldestelle sogar eine beglaubigte Kopie des Protokolls, meinte aber, was ich für einen Scherz hielt, die Tatsache, dass er sich diese Mühe mit uns mache (mir die Strafe ordnungsgemäß abzuknöpfen) koste mich aber einen Schnaps. Als wir dann gingen, ließ er durchblicken, dass noch etwas fehle, und der Office-Manager drückte ihm 100 Rubel (ca. 6 DM) in die Hand. Mit anderen Worten, dafür, dass die Jungs eine mehr als zweifelhafte Strafgebühr von mir annahmen (die Registrierungsstelle hatte nämlich wahrscheinlich um Neujahr herum gar nicht auf, aber das lässt sich nicht beweisen; ein russischer Beamter hat immer recht) und mir die Quittung und das Protokoll aushändigten, musste man sie auch noch bestechen! Super! Zu der zeit, als ich auf der Wache war, wurde eine Gruppe frisch verhafteter Usbeken eingesperrt, angeblich, weil deren Dokumente unvollständig waren. Wie der mit mir befasste Bulle offen zugab, ging es nur darum von denen Geld zu erpressen, wer genug dabei hatte, konnte sofort gehen, die anderen mussten in der Zelle warten, bis ihre Freunde/Verwandte genügend Kohle herbeigeschafft hatten.

Soweitmeine Abenteuer bisher. Um sämtlichen Gerüchten und Falschmeldungen zuvorzukommen, hier jetzt die eigentliche Sensation, wobei ich mir nicht sicher war, ob ich es in dem Rundbrief öffentlich machen soll, aber bevor die Gerüchteküche überkocht und irgendwelcher Unfug die Runde macht: Svetlana und ich haben beschlossen, zu heiraten und uns am 4.1.03 offiziell verlobt. Wann und wo das geschehen soll, steht noch in den Sternen, der Plan ist, bis zum Sommer herauszufinden wo und wie die ganze Sache am besten stattfinden kann (es gibt da sehr sehr viele bürokratische, geographische, sie wohnt noch in Novosibirsk, und materielle Probleme) und dann alles weitere zu entscheiden. Uff, jetzt ist es heraus!!! Drückt uns die Daumen, dass es klappt, wir können es gebrauchen!!!

Soweitalso der erste Moskau-Report.

Aktualisiert am
13.05.2017
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