Kapitel 11 - 13 (Transsib Teil 1)

Am 29.7.05 begleitete mich meine Gattin zum Bahnhof, um mich in den Zug nach Omsk zu setzen. Der Plan war folgender: Bis Omsk fahren (ca. 2000 km östlich von Moskau), dort mich mit einem Kumpel treffen, der da bei seinen Schwiegereltern auf mich wartete, zwei Tage in Omsk verbringen, dann mit der Bahn weiter bis Irkutsk (Ostsibirien). Von Irkutsk mit dem Bus zum Baikalsee und da auf eine bestimmte Insel, um sich etwas Landschaft und Ruhe anzutun. Wieder mit dem Bus zurück und mit dem Zug weiter bis nach Vladivostok, die Heimatstadt meines Kumpels, in der wir dann noch einige Tage verbringen wollten. Sveta wollte und konnte nicht mit: erstens hatte sie keinen Urlaub mehr, zweitens hat das ständige Dienstreisen per Bahn während ihrer Zeit in Novosibirsk jegliches Interesse an einer Erkundung des Heimatlandes per Zug bei ihr schwinden lassen. Musste ich also ohne sie los.

Nach der Verabschiedung zu gleichen Teilen voll Abenteuerlust und Bangigkeit den Zug bestiegen und erst einmal eine Überraschung erlebt. Mein Kumpel war einige Tage vorher in einem teureren Zug nach Omsk vorgefahren und hatte hinterher Schauerliches zum besten gegeben: keine Ventilation, 40 Grad Hitze in den Waggons, Ausfall der Wasserversorgung, Dreck, in vielen Abteilen völlig betrunkene Soldaten, die zu ihren neuen Dienstorten unterwegs waren (und nicht nur solche – die Soldaten meine ich - es gab auch noch zahlreiche andere die völlig stramm waren). Eine eiserne Tradition in Russland ist es, dass bei Zugfahrten mit über zwei Stunden Fahrtdauer grundsätzlich ausgiebig gespeist – unbedingter Speiseplan: Hähnchen, gekochte Eier, gekochte Kartoffeln, Räucherwurst und Trockenfisch, kurz, das Aroma ist atemberaubend - und gesoffen wird, im besten Fall Bier, meist jedoch Vodka. Wegen der Begleitumstände dieser Tradition (Geruch und kommunikations- und verbrüderungsfreudige Mitreisende) ist dann oft die einzige Rettung, mehr oder minder engagiert bei diesem Treiben mitzutun. Da Vadik zusammen mit seiner kleinen Tochter nach Omsk gefahren war und deshalb am Geschehen nur als nüchterner Leidtragender teilnehmen konnte, war es ihm so vergönnt gewesen, in diesem Biotop, oder besser “Olfaktotop”, einen kleinen aber höchst eindrucksvollen Hauch der Vorhölle zu erhaschen.

In meinem Zug lagen die Dinge völlig anders: Es war der beste und angenehmste Zug, den ich je erlebt habe, selbst in Deutschland habe ich nichts gesehen, was hier mithalten könnte. Alles war blitzblank, auf den Aborten, sonst in russischen Zügen Quell unbeschreiblichen Grauens, die Klobrillen mit automatisch wechselbaren Hygienepräsern überzogen, die Abteile wurden zweimal täglich gestaubsaugt und staubgewischt etc. Auch eine funktionierende Klimaanlage gab es; allerdings mit dem kleinen Defekt, das sie sich nur auf “aus” oder “volle Kraft voraus” einstellen ließ. Unsere Schaffnerinnen (in Russland wird jeder Waggon auf Langstrecken von zwei SchaffnerInnen begleitet, die jeweils zwölf Stunden im Wechsel Dienst tun), lösten das Problem recht pragmatisch: zunächst wurde die Funktion “volle Kraft” eingestellt, bis sich das Gros der Passagiere in dunkelbläuliches Gefrierfleisch zu verwandeln begann. Dann wurde abgeschaltet bis der als Proviant mitgeführte Käse Blasen warf – wieder ging's “volle Kraft voraus“ bis sich das Rattern des Zuges und das Zähneklappern der Reisenden in schönem Gleichklang mischten usw.. Zumindest im statistischen Mittel wurde so eine angenehme Reisetemperatur herbeigeführt.

Meine Mitreisenden waren eine Mittvierzigerin und ihre Tochter, die nach Novosibirsk reisten (drei Tage Reisezeit) und ein Schwuler Geschäftsführer eines Unternehmens, das Schönheitssalons betrieb. Der stieg zwar bald aus, unterhielt uns aber bis dahin hervorragend mit in klassischem Schwuchtelgenäsel vorgetragenen und mit theatralischen Gesten untermalten Storys über sein Leben, das sich zwischen den Topadressen der Pariser Kosmetikwelt und den körperästhetischen Abgründen der russischen Provinz bewegte. Gerade war er unterwegs von L’Oreal Paris in ein Kaff östlich von Moskau, dessen Namen ich nicht einmal aussprechen kann, um da die Eröffnung des nächsten Salons vorzubereiten.

Nachdem der Knabe ausgestiegen war, bekamen wir Zuwachs von einer klassischen russischen “Babushka”, die vor allem eins auszeichnete: Sie brachte es fertig, jedes, aber auch wirklich jedes Gespräch in eine Richtung zu lenken, die es ihr erlaubte, laut, farbenfroh und anhaltend, unter ständiger Anrufung des Herrgotts, sich über das Elend und die Verderbtheit der Welt zu äußern. Ihr geistiges Universum war voll von Tod, Krankheit, Siechtum, Lüge, Verrat, moralischer Niedrigkeit, ökologischer Verseuchung, Diebstahl, Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Mord und Totschlag usw. Wer mich gut kennt, weiß ja, dass ich nach ausgiebigem Alkoholgenuss in den frühen Morgenstunden zuweilen zu einem gewissen, leicht schwärzlich gefärbten, Realismus neigen kann. Im Vergleich zu dieser Zeitgenossin hier habe ich einen geradezu leichtfertigen Drang zu ruchlosester Frivolität und Schönfärberei.

Dabei hatte sie ein interessantes Leben gehabt, ohne größere Schicksalsschläge. Sie hatte als Schaffnerin die ganze Sowjetunion bereist, viel gesehen – und obendrein als ehemalige Eisenbahnerin das Recht auf verbilligte Tickets und außerdem auf eine jährliche Freifahrt nach Wunsch, egal wohin. Da sie gesundheitlich und geistig noch voll auf der Höhe war, hätte sie eigentlich noch mal losziehen und richtig was erleben können. Aber nein, sie zog es vor, jammernd in ihrem Bau zu sitzen und einmal im Jahr ihre Familie zu besuchen um denen während ihrer Anwesenheit auch den letzten Rest Lebensfreude zu vergiften und sie nur in dem Gedanken Trost finden zu lassen, dass Züge ja nicht nur unerträglich Gäste bringen, sondern sie auch wieder nach Hause befördern. Und manchmal auch unachtsame Rentnerinnen überrollen.

Der Gipfel war erreicht, als sie, nachdem sie ein unter Stöhnen und wiederholtem Anrufen des Heilands vorgetragenes Klagelied zum Thema schamlose Überbezahlung russischer Prominenz in allgemeinen und Alla Pugatchevas mit ihrem Jahresgehalt von über 4 Mio. $ im besonderen beendet hatte (für alle Uneingeweihten, Alla Pugatcheva ist ein biologisch und stilistisch im Grunde nicht möglicher Hybrid aus – auf deutsche Verhältnisse übertragen – Roy Black, Bonney M., Peter Alexander und Jeanette Biedermann, an dem die Vergänglichkeit der Zeit spurlos vorüberzugehen scheint – sowohl optisch als auch musikalisch, sie sieht immer noch fast so aus und klingt so wie zu Brezhnevs Zeiten), sich über die – tatsächlich obszön niedrigen – russischen Renten auszulassen begann und voll Mitgefühl stoßseufzte: „Ach die arme Alla, bald ist sie auch zu alt für dieses Leben und dann muss sie von 1800,- Rubeln (110,- DM) im Monat leben.“ Dass die „arme Alla“ Millionen verdient hat und daher wohl kaum auf die staatlichen Rentenzahlungen angewiesen sein wird, wie unsere Mitreisende vor wenigen Minuten selber mit einer Mischung aus Empörung, Missgunst und Neid verkündet hatte, war nun nicht mehr wichtig – Hauptsache es war etwas zu beklagen. Daraufhin begannen meine Abteilgenossen und ich wie verabredet die Rede auf die absurdesten Gesprächsthemen zu bringen, nur um zu sehen, ob unser mitreisendes Elend es schaffen würde, auch diesem Gegenstand eine Note von Pestilenz, Verkommenheit und Niedergand zu verleihen – was soll ich sagen? Sie hat es jedes Mal geschafft. Großartig!

Während all dieser Zeit fuhren wir durch eine Landschaft, die beeindruckte und trotzdem im Wechselspiel anödete oder erschreckte: Zwei Tage ununterbrochen Wald, Wald, Wald, Wald, Wald... Manchmal nur, wie helle Lücken in der dunkelgrünen Wand der Bäume, Ortschaften aus niedrigen Holzhäusern, die wie geduckt kaum über den Boden herausragten, als suchten sie sich dadurch vor der Macht des alles beherrschenden Waldes zu verstecken. Diese Dörfer hatten gar nichts gemein mit dem, was man bei uns so als Dorf kennt: weder die Ansammlungen stolzer Backstein- und Fachwerkhöfe in Niedersachsen, noch die Trotzig-Öden Schiefer-und Weissputz-Strassendörfer Hessens, noch die in heuchlerischer Pietät den Reichtum der Besitzer nur teilweise verdeckenden Bausparhäuslesiedlungen Schwabens oder die malerischen Winzerörtchen im Rheingau haben etwas mit russischen Dörfern gemeinsam: während in Deutschland das Dorf der architektonische Ausdruck dessen ist, dass hier eine Gemeinschaft der Natur mit wechselndem Erfolg trotzt und den Raum des Dorfes oder wenigstens Haus und Hof nach ihrem mehr oder minder erfreulichen Geschmack, den Möglichkeiten des Geldbeutels und den Erfordernissen des Alltagslebens gestaltet und formt und sich hier die Natur zumindest ein bisschen Untertan gemacht hat, zeugen russische Dörfer eher davon, dass der Mensch in dieser, unsere Vorstellungskraft sprengenden, großartigen übermächtigen Natur gleichsam als eine Ansammlung Einzelner darum bettelt, nicht ausgelöscht zu werden. Es sieht alles nach Überleben, nicht nach Leben aus. Gleichzeitig scheint es so, als bemühten sich die Dörfer, den Urgewalten nicht weiter aufzufallen, da dies der Weg des geringsten Widerstandes im Überlebenskampf ist.

Es gibt hier im Internet eine ironische Geschichte Russlands in der es heißt: „...Wenn Feinde vor die Tore den Dörfer oder Städte erschienen, verkrochen sich die Slawen hinter ihre nachlässig errichteten Palisadenzäune und taten so, als seien sie nicht da...“ Dies ist eine gute Beschreibung des Verhältnisses von Dorf und Natur in weiten Teilen Russlands – erstere sehen so aus als gäben sie vor, gar nicht da zu sein.

Und tatsächlich sind viele dieser Dörfer nicht mehr wirklich da, sondern nur noch langsam im Wechsel der Jahreszeiten verfallende, verlassene Häuseransammlungen. Am stärksten prägte sich mir die Bahnstation eines Ortes ein, der wohl früher von der Forstwirtschaft gelebt hat. Wir fuhren schnell durch ihn hindurch, höchstens zwei Minuten lang, doch war das ausreichend dafür, dass er sich mehr in meiner Erinnerung festsetzte als dutzende, wenn nicht hunderte anderer Orte gleicher Größe, durch ich auf dieser Reise noch fahren sollte. Die meisten Häuser des Ortes waren aus Holz, größtenteils unbewohnt und in den unterschiedlichsten Stadien des Verfalls hinsiechend. Dazwischen einige „Chruschtschovki“, fünfstöckige Plattenbauten in erbarmungswürdigem Zustand, gleichwohl sichtlich noch als Behausung dienend. Auf den Nebengleisen des Bahnhofs standen rostende Waggons zwischen dem wuchernden Unkraut, schon beladen mit Schnittholz und transportbereit. Nur hatte es, nach der Höhe der Vegetation um und zwischen den Waggons zu schließen, schon lange weder jemand für nötig befunden, diesen vorbereiteten Transport loszuschicken noch wurde er irgendwo erwartet. Das Lagerhaus des örtlichen Sägewerks direkt an den Schienen war gut und in säuberlichen Stapeln gefüllt. Davon konnte sich der Vorbeifahrende überzeugen, da die Hälfte der Hülle, als die das Lagerhaus um die Holzstapel ursprünglich gedient hatte, von einer ungeheuren Kraft einfach aufgerissen und der abgetrennte Teil neben dem Gebäudeinhalt achtlos hingeworfen worden war, als habe eine riesige Hand von einem Papphaus ein Viertel abgerissen und dieses neben dem noch stehenden Teil des Hauses auf dem Boden zerknautsch. Die Holzstapel, die einmal unter dem Dach dieser Gebäudehälfte gelegen hatten, waren zum Teil umgestürzt und mischten sich mit den Trümmern. Ob Vernachlässigung und Witterung, ein von einem durch Resignation und Vodka abgestumpften Kolchosmitarbeiter amokgelenkter Laster, oder ein entgleister Zug die Zerstörung angerichtet hatte, war nicht erkennbar. Als gespenstisch-hämische „Verzierung“ hing an einem der völlig verrosteten und offensichtlich seit langer Zeit funktionsunfähigen Kräne, an einem rostenden und sich aufdröselndem Stahlseil noch eine Ladung Schnittholz. Rundherum auf dem Gelände verstreut stand rostende, von Unkraut und Brombeersträuchern überwucherte, schwere Forstwirtschaftstechnik. Alles das machte den Eindruck, als habe mitten bei der Arbeit das „Zerreißen“ des Lagerhauses den Menschen ein Zeichen gegeben, dass alle Plackerei keinen Zweck mehr habe, worauf diese augenblicklich alles stehen und liegen ließen wie es war und nie mehr wiederkehrten.

Erster kurzer Halt am Tage: ein kleines Nest, der Name ist mir entfallen, ein kleines Bahnhofsgebäude in eher bedauernswertem Zustand, ob Anfang des 20. Jahrhunderts oder irgendwann aus der Stalinzeit ließ sich nicht genau sagen. Die Bahnsteige Betonplatten auf Betonblöcken, verbunden durch roh zusammengefügte, fast rachitisch aussehende Übergänge aus Gussbetonteilen auf Stelzen. Der gesamte Bahnsteig war übersäht mit Verkäuferinnen allen Alters, von kleinen Mädchen bis hin zu kaum mehr bewegungsfähigen Omas, die fast alles feilboten, was der Dauereisende in einem Zug gebrauchen könnte: Tütensuppen, Räucherfisch, Eis, Limonade, Bier, gefüllte Teigtaschen (mit Kohl, Käse, Fleisch – wobei die Verkäuferinnen versicherten, es sei Schwein oder Rind, erfahrene Reisende jedoch ernsthaft darauf bestanden, es könnten auch Katzen und Hunde drin sein), gekochte Kartoffeln, Brathähnchen, allerlei Beeren usw. Die Szenerie hatte mehr von einem improvisierten Markt oder einer Karawanserei als von einer Bahnstation. Dieses Bild sollte sich von nun an in jeder Kleinstadt und jedem Dorf bieten, in dem wir kurz hielten, bis hin nach Vladivostok. Der Grund dafür ist einfach: In den Großstädten ist der Handel auf den Bahnsteigen verboten, zum einen um einen einigermaßen chaosfreien Ablauf des Bahnhofsgeschehens zu ermöglichen, zum anderen, da die Lizenzierung von Bahnhofsgeschäften eine schöne Einnahmequelle ist, um der Bahnhofsverwaltung ein zusätzliches (übrigens offizielles) Einkommen zu bescheren. In Kleinstädten und Dörfern ist das anders: die Überschaubarkeit des ganzen Treibens auf den dortigen Bahnhöfen erlaubt es, den Bahnsteighandel zu tolerieren, außerdem leben nicht wenige Einwohner vom Handel mit den Durchreisenden – je kleiner der Ort, desto größer der Anteil dieses Handels am Einkommen der örtlichen Bevölkerung – und zu guter letzt kassieren Bahnhofsbeamten und Bahnpolizei noch „Tolerierungsgebühren“, in diesem Falle jedoch nicht offiziell. So ist jeder der anhaltenden Züge für eine Vielzahl von kleinen, von der Welt nur durch die Bahnlinie verbundenen Käffer das gleiche wie ein Wahl im Ozean oder ein Elefant in der Savanne: er ernährt durch seine bloße Existenz mannigfaltige weitere Organismen, nützliche und parasitäre.

Gegen Abend des ersten Tages kamen wir an Ausläufer des Urals, den zu sehen ich mich schon mächtig freute. Bis wir ihn dann tatsächlich ereichten, war es dann aber finstere Nacht, so dass ich nur von Zeit zu Zeit schemenhaft erahnen konnte, wie etwas am Abteilfenster vorbeihuschte – ärgerlich.

Am nächsten Morgen, bei einem Zwischenstop, standen zwei, sich auf Deutsch unterhaltende, Reisende am Zug und putzten die von Staub reichlich eingedunkelten Fenster. Im Halbkreis darum sammelten sich in lockeren Grüppchen russische Mitreisende, betrachteten das Schauspiel verstohlen und grinsend und gaben durchaus sympathisierende Kommentare wie: „Typisch deutsch, alles muss sauber sein. Jetzt putzen sie schon selber die Zugfenster und nehmen den Zugbegleitern die Arbeit ab. Kein Wunder, dass bei denen alles besser funktioniert.“

Als ich mit der vermeintlich heimatlichen Putztruppe ins Gespräch kam, stellte sich heraus, dass es Schweizer waren (was ich mir eigentlich hätte denken können: laut „Asterix bei den Schweizern“ sind das die mit dem schlimmsten Putzfimmel), die gewissermaßen als Wiederholungstäter die Transsib bereisten und aus Erfahrung wussten, dass nur beherzte Selbsthilfe einem einen Fensterblick verschafft, der es auch erlaubt, aus dem fahrenden Zug zu fotografieren. Eine Erfahrung, die ich später selbst auch machen musste: die ersten Fotos, die ich machen wollte, erübrigten sich, da der Grauschleier auf den Scheiben den herrlichen Ausblick beim Blick durch das Objektiv in ein wenig erfreuliches Grau tauchte. Auf der Gangseite des Waggons ging es noch, da ließen sich die Fenster öffnen. Auf der Abteilseite lag die Sache komplizierter: nur das Klofenster war zum öffnen eingerichtet. Weil man nun aber auch den richtigen Moment zu Fotografieren abpassen musste, war bei der ganzen Tätigkeit eine gewisse Wartezeit und daher auch Geduld unumgänglich. Mal abgesehen davon, dass, bei aller Sauberkeit, das Aroma und der Gemütlichkeitsfaktor einer Zugtoilette nicht unbedingt dazu angetan sind, die Verweilausdauer an diesem Ort zu steigern, brachten die anderen Mitreisenden auch nur begrenzt Verständnis dafür auf, dass der Abort ständig von jemandem mit Fotoapparat besetzt gehalten wurde. Auch kam ich mir nach dem dritten oder vierten Mal, an dem ich auf panisches Klopfen und Rütteln an der Tür hin mit der Kamera in der Hand unter den erbosten Blicken eines vom einen auf das andere Bein tretenden Passagiers hektisch aus der Kabine gestolpert war, reichlich albern vor und ließ es weitgehend bleiben. Eigentlich waren die Leute recht verständnisvoll, doch mit zunehmender Fahrtdauer und entsprechendem Bierkonsum nahm deren Harndrang zu und die Toleranz ab.

Der Zug war zu einem Drittel voll mit Deutschen, größtenteils Rentner, viele schon in einem Alter und einer körperlichen Verfassung, die es ihnen kaum erlaubten, sich noch zu Fuß fortzubewegen. außerdem waren sie bar jeder russischer Sprachkenntnisse, gleichwohl alle extrem begeistert dabei und zeigten trotz sichtlicher Gebrechlichkeit keinerlei Wehleidigkeitserscheinungen. Ihr Ziel war der Baikalsee, wo sie an Naturerlebnistouren teilnehmen wollten. Ich war schwer beeindruckt. Die Russen sowieso, die dabei aber noch mit ihrem eigenwilligen Humor gutmütig lästerten: „’41/’42 haben sie es zu Fuß nur bis Moskau geschafft. Jetzt probieren sie, ob sie mit dem Zug dahin kommen, wo sie damals eigentlich hinwollten.“ Am Baikalsee waren dann tatsächlich scharenweise Deutsche aller Altersklassen unterwegs (als Wanderer, auf dem Fahrrad, per Schiff), hauptsächlich jedoch der Typ „rüstiger Rentner“.

Die eine Schaffnerin unseres Waggons, eine (übrigens extrem hübsche, obwohl blonde) Deutschstudentin, jammerte im Scherz, dass fast der ganze Zug voll mit Deutschen sei die kein Russisch könnten, was ihr eigentlich eine prima Gelegenheit zur Sprachpraxis bieten sollte. Allerdings reise nur in ihrem Waggon einer, der fließend Russisch spräche und daher keinen Anlass zum Deutschsprechen gebe. außerdem sei er auch schon so russifiziert, dass er nicht die Scheiben putze (und damit ihr diese Arbeit abnehme), sondern eher aufs Fotografieren verzichte. Zur Entschädigung hab ich ihr nach zwei Tagen bei unserer Ankunft in Omsk meinen ausgelesenen Spiegel geschenkt, was sie dann wieder versöhnt hat.

Omsk ist eine Millionenstadt in Westsibirien am Irtysch gelegen. Optisch bietet sie wenig: ein kleines, altes, ganz niedliches Stadtzentrum, umgeben von Plattenbau- oder Holzhaussiedlungen, wobei erstere unmotiviert mitten in die Pampa gestellt wurden und letztere keine geteerten Strassen sondern nur (je nach Jahreszeit) mehr oder weniger stark verschlammte Sandpisten haben. Nachdem lange Zeit alles Geld in die Errichtung fieser Repräsentationsneubauten geflossen war und die Altbauten vernachlässigt wurden, hat sich der neue Buergermeister (mit dem klassisch „russischen“ Familiennamen „Schreder“ – Omsk war bis Anfang der 90ger Jahre ein „deutsches“ Zentrum in Sibirien bis fast alle in die deutsche Provinz weggemacht haben) nun deren Erhalt auf die Fahnen geschrieben, was schon einige Erfolge zeitigt und dem Stadtbild sichtlich bekommt. Als örtliche Kuriosität gibt es übrigens auch ein Denkmal des Sanitärtechnikers, die Bronzefigur eines mit berufgruppentypischem Werkzeug und ebensolchem alkoholisiert-glücklichem Gesichtsausdruck aus einem Gully kletternden Klempners. Sehr gut getroffen und ein Heidenspaß. (Ekaterinburg hat ein Denkmal des Liebhabers: die Bronzefigur eines Mannes in reichlich unkorrigierter Kleidung, mit den Hosen in den Kniekehlen, hängt an einem Balkon, wie vor einem überraschend heimgekehrten Ehemann in Deckung gegangen.)

Gewohnt haben wir (Vadik, der in Omsk schon auf mich gewartet hatte und ich) bei seinen Schwiegereltern. Er ehemaliger Soldat, sie Lehrerin. Beide gastfreundlich und richtig klasse, wobei er etwas grummelig und verschroben war, sich dann aber nach einer gewissen Anlaufzeit als sehr in Ordnung erwies, allerdings dazu neigte, mich abends trotz einer Magenverstimmung zu längeren Sitzungen mit umfangreichen Vodkagenuss anzuhalten – hart aber herzlich. Muttern als Chemielehrerin führte mich in die Einzelheiten der heimischen Obstweinherstellung ein, die bei denen im Schlafzimmerschrank stattfand, und gab uns zwei Tage später bei der Weiterfahrt noch zwei Liter mit – sehr schöne Sache das.

Wirtschaftlich geht es Omsk nicht so besonders, da die Stadt, wie mir gesagt wurde, in einem rohstoffarmen Gebiet liegt, die meiste Industrie veraltet ist und ein großer Teil der Bevölkerung bei der Polizei ist, da diese dort mehrere landesweite Ausbildungsstätten unterhält. Naja, und Polizei ist ja nun nicht gerade ein produktiver Berufszweig, zumal die Russische mit ihren Spezialtalenten in den Bereichen staatlich gedeckter Straßenraub und Bevölkerungsausplünderung. Dazu ein schönes und exemplarisches Detail: Der oberste Verkehrspolizist der Stadt vergibt an Personen, die er für ausreichend würdig befindet, seine Visitenkarte und unterschreibt auf der Rückseite. Wird der Halter einer solchen Karte bei einem Regelverstoß im Straßenverkehr erwischt, reicht er den Verkehrspolizisten einfach die Visitenkarte und darf weiterfahren. Jede Chefvisitenkarte wird so gleichsam zum Coupon oder Freifahrtschein für ein Verkehrsvergehen.

Skurrilitäten des Alltags: Bei der Fahrt in einem Sammeltaxi (wir befinden uns in Sibirien wohlgemerkt) quäkt plötzlich aus dem voll aufgedrehten Radio: „Ich bin Schnappi, das kleine Krokodil....usw.“. Schlimm! Ein weiteres deutsches Kulturverbrechen, das diesem Land nach Herrmann Görings Kunsträubereien, Modern Talking, Rammstein, Dschingis Khan, Scorpions, Kommissar Rex und Liebfrauenmilch angetan wurde. Ich litt physisch und es war mir peinlich, Deutscher zu sein. Was die Sache noch schlimmer machte, war die Tatsache dass Vadik den Refrain auch noch durch einmaliges Hören dieses „Liedes“ weitgehend auswendig konnte und nun eine Woche bei jeder Gelegenheit trällern sollte, was mich an den Rand ernster Handgreiflichkeiten brachte.

Polizistenstadt hin oder her, in Omsk wuchsen in der Innenstadt an allen Ecken und Enden Hanfpflanzen in teilweise beachtlicher Größe und Anzahl. Wie mir erklärt wurde, hat das Zeug, obwohl kein Indischer Hanf, einen größeren Dröhneffekt als das, was in Westeuropa ursprünglich heimisch war. Der örtliche Genießer kocht das gehechselte Kraut in Milch auf, filtert diese und trinkt sie dann. Geschmacklich wohl eher mittelprächtig, soll’s ganz gut doof machen. Eine Verifizierung durch Selbstversuch kann ich nicht bieten.

Der Irtysch, der Hauptfluss an dem die Stadt liegt, ist ein breiter, mächtiger Strom (das Überqueren einer Brücke zu Fuß dauerte eine halbe Stunde), der erstaunlich sauber und klar ist. dafür haben sie aber den Om, den Fluss, der der Stadt den Namen gegeben hat, völlig versaut und zugemüllt. Es ist schon ein eindrucksvolles Bild zu sehen, wie das relativ dünne Flüsschen Om als brauner Streifen in den breiten, grau-blauen Irtysch einläuft und dabei einen solchen Dreckfaktor hat, dass sogar der größere der beiden Flüsse nach der Vereinigung leicht ins Bräunliche spielt.

Ach ja, noch etwas, in Omsk bekam ich ein weiteres Mal eine Ahnung davon, warum viele ältere Russen der Sowjetunion und dem Kommunismus nachtrauern: Am Ufer des Irtysch steht dort ein weitläufiger, großer, architektonisch durchaus interessanter, etwas an einen Dampfer erinnernder Gebäudekomplex. früher beherbergte er ein Hotel und war gleichzeitig die Anlegestelle für eine Vielzahl von Ausflugsdampfern (die russische Bezeichnung „Flussbahnhof“ vermittelt einen guten Eindruck von dem Treiben, was sich da mal abgespielt haben muss, wenn man einen unserer Großstadtbahnhöfe als Maßstab nimmt). Eine ganze Dampferflotte befuhr den Irtysch in Fahrten mit einer Dauer von einer Stunde bis zu mehreren Tagen. Nun herrscht da Leere und mühsam aufgehaltener Verfall. Die Dampferflotte ist verschrottet, Schiffe halten so gut wie nie, das Gebäude wird als eine Markthalle für Kleingewerbe aller möglichen Branchen genutzt, hauptsächlich für den Verkauf chinesischer Imitationen japanischer und koreanischer Unterhaltungselektronik. Der ungenutzte Rest des Gebäudes wird nach und nach mit Verbalduftmarken aus den Sprühdosen rivalisierender Jugendgruppen beschichtet. Beim Vergleich von Gegenwart und Vergangenheit können in diesem Falle einem schon Zweifel an den Segnungen der Demokratie kommen, zumal wenn man die Sozialisation des durchschnittlichen russischen Rentners hat.

Apropos Rentner: Einer alten Tradition folgend habe ich das Heimatmuseum von Omsk besucht (in diesen Museen lernt man eine Menge über die jeweiligen Städte, ihre Geschichte und – wenn man Zugang zu den dort arbeitenden, mit ganzem Herzen der Sache verpflichteten Rentnerinnen findet – die Gegenwart der Stadt). Als nun Vadik und ich die zoologische Abteilung fast durchschritten hatten, schwärmte die uns mit einem Vortrag zu den Exponaten begleitende Rentnerin, wie sehr ihr ihre Arbeit gefalle, sie sei schon sei 15 Jahren hier und entdecke stets Neues. Darauf meinte Vadik scherzhaft mit einer Geste hin zu den vielen ausgestopften Tieren, er könne sich nicht vorstellen, die ganze Zeit umgeben von Leichen zu arbeiten. Die gute Frau stutzte, schaute nachdenklich in die Runde und murmelte: „Stimmt, daran habe ich noch gar nicht gedacht. So kann man das auch sehen.“ Als wir später zum Ausgang zurückgingen, erzählte sie gerade einer Kollegin, dass ihr in 15 Jahren nicht aufgefallen sein, das sie in einem Leichenhaus gearbeitet habe und dass das ja schrecklich sei. Sobald sie uns sah, kam sie auf uns zu, war sichtlich erschüttert und wiederholte immer wieder, dass wir ihre Sicht auf ihr ganzes Tun dort grundsätzlich verändert hätten. Ich versicherte ihr, dass Vadik nur gescherzt habe und sie sich das nicht so zu Herzen nehmen solle, doch bin ich mir nicht sicher, ob ihr der flapsige Spruch nicht doch gründlich den Boden unter den Füßen weggezogen hat.

Am nächsten Morgen, nach drei Tagen Omsk ging es per Zug weiter in Richtung Irkutsk. Nach dem wir Omsk verlassen hatten, zeigten sich erste Anzeichen ernster Landwirtschaft, besonders Viehzucht, wie ich sie vorher auf dieser Reise noch nicht gesehen hatte. Vadik erklärte mir, dass das einerseits an den natürlichen Beschaffenheiten liege (bisher bestand die Landschaft entweder aus dichtem Wald, Sumpf oder Gebirge), in den Gebieten rund um Grosstädte wie Moskau oder Ekaterinburg aber auch einen anderen Grund habe: Die Kolchosvorsitzenden beschäftigen sich mit oder werden Opfer von versuchter Landspekulation, die, wenn es denn klappt, natürlich mehr abwirft als Ackerbau und Viehzucht, diese aber fast völlig zum Erliegen bringt. Auch werden viele Stallungen und Hangars von den gleichen Kadern an die Besitzer illegaler Kleinfabriken vermietet, was weniger Umstände macht, als selbst etwas zu produzieren, die Tätigkeit des Kolchos aber endgültig abwürgt. Nach Omsk Richtung Osten gibt es nun einmal keine Städte mehr, deren geplante Ausdehnung die Phantasie von Grundstücksspekulanten inspirieren könnte – auch Omsk selbst hat in der Hinsicht nur gebremsten Charme -, es gibt aber eine lange Tradition der Landwirtschaft (vor der Oktoberrevolution beherrschten die westsibirischen Genossenschaften den europäischen Butter- und Stärkemarkt) und die Landschaft ist eine andere: Riesige, bis zum Horizont reichende Wiesen wechseln mit (hauptsächlich) Birkenwald, zuweilen mischen sich Grasflächen und Birkenhaine wie in einem englischen Park unverstellbaren Ausmaßes. Eine Landschaft wie geschaffen für Viehzucht.

Nach einem Tag änderte sich die Umgebung dann in baumlose Schilfbewachsene Sumpfflächen, die reichten, soweit das Auge sehen konnte. Die Bahnlinie auf der wir fuhren und die weinigen sichtbaren Strassen lagen auf Dämmen, die Dörfer auf kleinen, Inseln, auch diese ohne jeden Baum. Alle Orte bestanden aus einstöckigen Holz- oder Steinhäusern, nur die offiziellen staatlichen Bauten wie Schule, Polizei, Dorfverwaltung waren zweistöckig. Wovon die Leute in diesem Gebiet lebten, konnte ich nicht herausbekommen, zumal der Zug während der Fahrt durch diese absonderliche Sumpflandschaft kein einziges Mal hielt, also auch niemand zustieg, den ich hätte fragen können. Gegen Abend wechselte das Bild ein weiteres Mal, Wald tauchte auf, dehnte sich mehr und mehr aus, dominierte schließlich die Landschaft und fasste die Sümpfe in umrandete Flächen ein, fast wie eine Fassung ein Medaillon. Je näher wir an Novosibirsk kamen, desto mehr ging die Landschaft in dichten Wald über, bis die Gleise wieder gleichsam von zwei grünen Mauern gesäumt wurden.

Die Einfahrt in Novosibirsk war schon von eigenartigen Gefühlen begleitet: schließlich hatte ich fast ein halbes Jahr hier gewohnt und hinterher noch mehrmals Svetik besucht. Wir fuhren direkt über eine Brücke, die Svetlana und ich täglich auf dem Weg zu ihrer Wohnung unterquert hatten. Etwas in mir war angerührt, doch richtige Wiedersehensfreude oder -Wehmut kamen nicht auf. Als wir nach einem halbstündigen Aufenthalt in die Nacht weiterfuhren, war es eher so, als habe ich einen alten Bekannten gesehen (wenn auch nicht gesprochen), mit dem ich früher so manche wilde Begebenheit durchlebt hatte, mit dem mich aber nun nichts mehr verband außer der verblassenden Erinnerung an gemeinsam Erlebtes von zweifelhafter Bedeutung oder wenigstens Spaßigkeit.

Als wir uns am nächsten Tag Krasnoyarsk näherten, wechselte die zuletzt vorherrschende, bergig nadelbewaldete - fast norwegisch anmutende - Landschaft in weite, Grasbewachsene (mit einzelnen Tannenwäldern dazwischen) Hügel und Täler, die bei entsprechender Beleuchtung aussehen, als seien sie mit grau-grünem Samt bezogen. Allerdings hatte ich nicht so richtig Zeit und Muße diesen eindrucksvollen Anblick zu genießen: In der Nacht war ich etwas angetrunken beim Betreten der Toilette wegen des Schlingern des Zuges gestolpert und hatte mir den Zeh an der metallenen Türschwelle gestoßen, was zwar schmerzhaft war aber nicht weiter schlimm schien. Als ich nun am Morgen aufwachte, zog ein fieser Schmerz meine Aufmerksamkeit auf meinen blutverschmierten, blau angelaufenen Zeh, von dem ein Drittel des Nagels sauber abgehobelt war und nun eklig aussehend und entsprechend schmerzend abstand. Die Tatsache, dass ich damit hatte schlafen können drängte den Schluss auf, dass der Obstwein von Vadiks Schwiegermutter nicht nur gut schmeckte, sondern auch sonst ganz ordentlich Wirkung tat. Mit Hilfe einer Nagelschere und ordentlich Wasserstoffperoxyd gelang es mir dann bis Krasnoyarsk, der Extremität ein Aussehen zu verpassen, das es meinen Mitreisenden erlaubte, auch bei ihrem Anblick ihr Frühstück bei sich zu behalten.

In Krasnoyarsk hatten wir nur für 20 Minuten Aufenthalt, trotzdem war ein Freund von Svetik mit seiner Frau unter unerlaubtem Entfernen vom Arbeitsplatz zum Bahnhof gekommen, nur um mit mir ein Bier zu trinken und zu plaudern. Wirklich klasse, umso mehr, als wir uns bei unserem ersten Treffen drei Jahre zuvor fast gehauen hätten. Wie sich die Meinungen über Menschen manchmal ändern...

Dies betraf, wie ich leider feststellen musste, auch meinen Mitreisenden: Vadik, der Mann einer Kollegin Svetas, und ich kannten uns schon aus Novosibirsk, wo wir über unseren Hang zu Punk, Bier und Eishockey schnell einen gemeinsamen Nenner fanden. Als seine Frau dann vor anderthalb Jahren auch nach Moskau versetzt wurde und Vadik mit mir unser Banya-Besuchs-Kommandos gründete, schien alles prächtig: dufter, kurzweiliger Kumpel.

Launige Kommentare von Frau Thomas und anderen weiblichen Lesern dazu, dass mit unseren Beschäftigungen der gesamte Kosmos männlicher Phantasie und alle üblichen Gesprächsthemen ausgemessen worden seien und wo denn nun das Problem sei, verbitte ich mir hier ausdrücklich. Es fehlen nämlich die Punkte „Frauen mit großen Brüsten“ und „Autos“ in der Aufzählung. Und genau das wurde zu einem Problem. Nicht das ich Sehnsucht nach einer eingehenden Diskussion der beiden letztgenannten Themen gehabt hätte, oder eine solche prinzipiell ablehnen würde (hey, ich bin ein Hetero-Mann), die Sache war nur die, dass Vadik sich täglich stärker als unglaublicher Proll herausstellte, der fast jeden Tag ca. sechs Liter Bier soff und gegen Abend entsprechend kommunikations- gestört (in Form und Inhalt) wurde; der, je weiter wir uns von Moskau entfernten, wo er ein arbeitsloser Niemand ist, der von dem Geld lebt, das seine Frau nach Hause bringt, eine immer größere Klappe bekam, bei gleichzeitiger unglaublicher Feigheit (und das, obwohl er recht groß und beeindruckend kräftig ist) und Unfähigkeit unvorhergesehene Situationen zu meistern: Vom Besorgen des Quartiers am Baikalsee bis zum Wechseln der Zugtickets von Irkutsk nach Vladivostok sollte das alles an mir hängen bleiben, während er panisch-aggressiv herumunkte, mir aber gleichzeitig dauernd erzählte, ich habe von nichts Ahnung und lediglich seine Anwesenheit bewahre mich davor, ausgeraubt, verprügelt und an die Tschechenen für die Hanfernte verkauft zu werden. Darüber hinaus konnte er sich keine zehn Minuten selbst beschäftigen, musste immer bespaßt werden, wobei das Themenspektrum sich recht bald auf „Autos“ (für mich nun mal ein Un-Thema), „Computer“ (noch schlimmer) und Möglichkeiten zum Frauen aufreißen beschränkte, bzw. er anfing, vor jeder Maus in seiner Reichweite mächtig „rumzumännern“ (auch reichlich unpassend, immerhin sind wir beide verheiratet). Wie auch immer, nach einer Weile bekam durch sein Verhalten der Gedanke an die Hanfernte in Tschechenien zeitweise durchaus ihren Charme. Auch war er nicht bereit, vorurteilslos, wenn auch vorsichtig, auf andere Menschen zuzugehen, was mir den Kontakt mit vielen interessanten Mitreisenden zuweilen erheblich erschwerte – und mit den Menschen reden und Hören, was sie zu erzählen haben, wie sie leben usw. war ja ein Zweck der Reise. In Vladivostok wäre es schließlich fast zur Prügelei gekommen, wenn nicht eine Freundin von ihm moderierend eingegriffen hätte. Die ganze Angelegenheit war jedenfalls eine gute Lektion, sich Reisegefährten noch bedachter auszuwählen und dabei von den üblichen Kontakten zu abstrahieren. Egal, ich greife vor. Weiter in der Chronologie:

Den absoluten Kracher hinsichtlich Auflauerns an der Bahnstrecke brachten aber Schwiegereltern: Ungefähr drei Stunden nach Krasnoyarsk hält der Zug in einem kleinen Kaff für genau zwei Minuten. Keiner weiß warum, so gut wie nie steigt da wer ein oder aus. Üblicherweise machen sich die Schaffner nicht einmal die Mühe, die Zugtüren zu öffnen. Svetik hatte mir schon angekündigt, dass Schwiegermutter dort auf mich warten würde (Schwiegereltern wohnen eine halbe Stunde Autofahrt entfernt) um mich mit „etwas“ Proviant zu versorgen. Als wir nun einrollten lag der Bahnsteig menschenleer in der gleißenden Mittagssonne (nicht mal ein Bahnhofsgebäude gibt’s da, nur einen Bahnsteig aus Betonplatten, die auf Betonstehlen stehen), alle Passagiere des Zuges drängten sich verwundert an den Fenstern um zu sehen, warum wir hier am A... der Welt halten - und vor dieser Kulisse eilten von den Entgegengesetzten Enden des Zuges Schwiegereltern unter der Last mit Speisen gefüllter Tüten schwankend und ich in hinkendem Sturmschritt aufeinander zu, umarmten uns, tauschten Tüten aus (ich ihnen eine kleine mit Fotos und Geschenken von Sveta, sie mir drei riesige mit gefüllten Teigtaschen, Brathuhn usw.), machten ein Erinnerungsfoto – und dann war es auch schon höchste Zeit, dass ich unter dem Beifall des gesamten Zuges auf den schon rollenden Waggon aufsprang. Meine Rückkehr ins Abteil am Ende des Zuges wurde zum Triumphzug: Alle Nase lang beglückwünschten mich wildfremde Reisende zu meinen klasse Schwiegereltern (offensichtlich hatte sich in Windeseile herumgesprochen, was der Hintergrund unseres kleinen Schauspiels war) und versicherten mir, dass ich durch diese Begebenheit gewissermaßen Teil der russischen Kultur geworden und mithin fast vollständig russifiziert sei. Wie auch immer, in jedem Fall war der Auftritt von den beiden rührend. Die Proviantmenge erwies sich überdies als so reichlich, dass Vadik und ich noch ein benachbartes Abteil mitfütterten, nur damit die Sachen in der Hitze nicht verdarben.

Aktualisiert am
13.05.2017
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