Kapitel 19 - Kasachstanreport

Diesmal also kein „Abenteuerurlaub“ a la Transsib, sondern ein Monat Almaty in Kasachstan als Dienstreise. Da mein Auftrag am besten mit in-house-Consulting bei unserer dortigen Tochtergesellschaft beschrieben ist, war voraussehbar, dass ich nicht allzu viel rumkommen oder sehen würde, außer Wohnung, Fahrtweg ins Büro und das Büro selber. So war`s dann auch, Frondienst in der Fremde. Die Moskauer Kollegen jedenfalls lästerten bei meiner Verabschiedung, dass ich wohl beabsichtige - einer sowjetischen Redensart folgend - „die kasachische Scholle urbar zu machen“ – im übertragenden Sinne liefs dann tatsächlich auf etwas ähnliches hinaus.

Trotzdem war die ganze Veranstaltung wie erwartet reichlich interessant, was neben meinem lange gehegten Wunsch, einmal nach Zentralasien zu kommen, den Ausschlag gegeben hatte, mich für die Aktion anwerben zu lassen. Schon der Anflug war beeindruckend: vier Stunden, davon die letzen zwei ununterbrochen über Steppe: flache, hügelige, flache, hügelige, ab und an von Bächen oder Flüssen durchfurcht – und plötzlich fast von null auf über viertausend Meter am Horizont eine schneebedeckte Bergwand, zu deren Füßen Almaty liegt. Beim Aussteigen aus dem Flugzeug dann ein sonderbares Gefühl: zur Linken mehrere tausend Kilometer bestenfalls leicht hügeliges Grasland, zur rechten das eindrucksvolle, steil aufragende Bergmassiv, dazwischen die Stadt. Letztere scheint nur aus Alleen zu bestehen, alle, wirklich alle Strassen durch die ich während des nächsten Monats fahren sollte, sind von Bäumen gesäumt, so dicht, dass die dahinter liegenden Häuser kaum zu sehen sind. Die relativ wenigen real-sozialistischen Bauentgleisungen sind so gnädig dem Blick des flüchtigen Betrachters entzogen. Insgesamt scheint die Stadt Glück gehabt zu haben, oder eine Verwaltung, die sich bei der Stadtplanung weniger an sowjetischen-fortschrittlichen Einheitsmustern orientiert hat, sondern von bürgerlich-übernommenen Kategorien wie Wohnlichkeit, Gemütlichkeit, Ansehnlichkeit und ähnlichen auch bei unseren zeitgenössischen Architekten weitgehend verachteten Relikten kleingeistiger Provinzialität geleitet wurde. Vielleicht hatten die auch schlicht kein Geld, um in bemerkenswertem Umfang richtig Schlimmes hinzupflastern. Oft sind zentralasiatische oder muslimische Stilelemente verwendet, viele Gebäude noch aus der Zarenzeit, unvermeidlich Stalinistisches, allerdings in menschlichen Dimensionen. Die Innenstadt, die zudem wie ein Schachbrett angelegt ist - es gibt nur gerade, sich im 90-Grad-Winkel schneiden Straßen - besteht fast ausschließlich aus fünfstöckigen Häusern der unterschiedlichsten Epochen. Dazwischen immer wieder kleine bis mittelgroße auffällig gepflegte Parks. Das, was zu Nasarbajevs Zeiten an Hochhäusern spärlich und durchaus nicht willkürlich, wenngleich monumental, errichtet wurde, hat mit seinen eindeutigen Anleihen von und Verweisen auf die traditionelle Architektur der Region einen eigenen Charme und setzt moderne Akzente inmitten der älteren Viertel, ohne sie zu erschlagen. Näher zu den Bergen hin, quasi auf der Wiese, oder besser fast am Hang zu Füßen der eindrucksvoll emporragenden Berge, tobt sich der bauliche Futurismus einer im Erdölgeld schwimmenden Fortschrittsgläubigkeit aus – es entsteht gleichsam eine Stahl-, Glas- und Sandsteinstadt neben der Stadt. Je weiter man jedoch in die Außenbezirke zur Steppe hin kommt, desto mehr verstärkt sich der Charakter einer russischen Kosakensiedlung: Kleine ein- bis zweistöckige Holz- oder Steinhäuser mit Garten, von einem hohen Holzzaun umschlossen. Zeugen von Almatys Entstehungszeit als Kosaken- und Garnisonsstadt zum Schutz vor aus China eindringenden Reiterstämmen.

Vom Flughafen brachte mich unser Firmenfahrer in die eigens gemietete Wohnung. Hier das erste Aha-Erlebnis: Mit rund 1200,- $ Monatsmiete war das Ding schon ein ziemlicher Brocken, doch wurde „Euroremont“ versprochen und Büronähe (außerdem wäre ein Hotel noch teurer gekommen). In einem mittelschwer runtergekommenem Chrushchev-Plattenbau gelegen, der in einem vom Lauf der Zeiten zwar mitgenommenen aber gepflegten und dicht bebaumten Hof stand, war die Bleibe realiter wirklich vor kurzem etwas aufwendiger renoviert worden, von europäischem Standart konnte aber nur bei militanter Toleranz im Stile ökumeneseliger protestantischer Jugendpastoren die Rede sein. In Moskau hätte so eine Wohnung in vergleichbarer Lage deutlich weniger gekostet. Ach ja, die Lage... Am Wochenende ließ sich die Strecke zum Arbeitsplatz per Bus in 15 Minuten schaffen, im Berufsverkehr brauchte ich allerdings 40 Minuten bis anderthalb Stunden (zweimal bin ich gelaufen, da hat’s nur eine knappe Stunde gedauert), wobei sich keine Prognosen über die zu erwartende Fahrzeit treffen ließen.

Die Busfahrt selber war jeden Tag aufs neue ein Erlebnis. Dreißig bis fünfunddreißig Grad im Schatten. Drückende Schwüle. Die Busse bis zum Anschlag voll gestopft mit schwitzenden und entsprechend ausdünstenden Menschen, ergo so gut wie keine Atemluft. Da die Fahrer alle auf eigenen Rechnung fahren, betätigt sich der mitfahrende Schaffner an jeder Haltestelle als Marktschreier, der die (obendrein außen am Bus angeschlagene) Marschroute wie ein Händler auf dem Fischmarkt unter das Volk krakeelt, bei direkter Ansprache erstaunlicherweise aber meist nur ein unverständliches Genuschel zustande bringt. Außerdem veranstalten die Busse wegen der Einnahmeabhängigkeit der Besatzungen regelrechte Wettrennen um die Passagiere, einschließlich taktischer Finessen wie Abdrängen und Ausbremsen. In der Hitze des Gefechts werden die Schaffner an den Ampeln manchmal auch zu Fußsoldaten, die gegen das Gefährt eines besonders lästigen Konkurrenten treten, einem Trolleybus seine Verbindung zur Oberleitung unterbrechen oder sich handgreiflich mit der Besatzung anderer Busse auseinandersetzen.

Diese Umstände und ein besonderes Temperament der Fahrer bedingen einen Fahrstil, der nur mit zentralasiatischer Gelassenheit zu ertragen ist, zuweilen wird passagierseits vernehmlich gemurrt, mehr aber auch nicht. Bei uns wären Lynchmorde die Folge – und, es muss deutlich gesagt werden, durchaus berechtigt: Beim Anfahren scheint der Fahrer alle im Bus Stehenden (das sind 90% der Passagiere) miteinander bekannt machen zu wollen, indem er sie auf engstem Raum im hinteren Busdrittel versammelt. Es wird grundsätzlich scharf und mit beträchtlicher Geschwindigkeit angefahren, worauf der Bus einen rodeoesken Satz vorwärts tut und alles, was sich nicht mit beiden Händen festklammert, gen Achtern fliegt. Und das nach jedem (!) Halt, egal ob Haltestelle, Ampel oder Stau. Bremsungen scheinen dagegen von der Intention begleitet, sich persönlich mit der Fahrgastschaft bekannt zu machen solange sie im Bus weilt: Man steigt ungeachtet der gerade gefahrenen Geschwindigkeit, energisch und abrupt in die Eisen, mit dem Effekt, dass die sich soeben wieder aufgerappelt und gesammelt habenden Reisenden diesmal sardinengleich an der Frontscheibe, bzw. der Fahrerkabine kleben. Auch dieses Procedere wiederholt sich bei jedem Halt. Zunächst dachte ich, an einen Fahrerpraktikanten, einen Anfänger oder einen Irren geraten zu sein, doch wurde mir sehr bald klar: die fahren alle so! Nichts für Schlechtgelaunte oder instabile Naturen.

Überhaupt ist das Volk dort etwas gewöhnungsbedürftig. Selber recht direkt und undiplomatisch wenn ihnen etwas nicht passt, sind sie unglaublich schnell beleidigt, sobald man sich, ihrer Meinung nach, ihnen gegenüber im Ton vergreift. Sie haben durchaus mentale Ähnlichkeit mit bestimmten Bevölkerungsgruppen Kreuzbergs und Neuköllns, wobei das nicht nur die Kasachen betrifft (die nur ca. 45% der Bevölkerung Alamtys ausmachen), sondern alle Nationalitäten, die dort wohnen – Russen, Ukrainer, Koreaner, Uiguren, Kirgisen usw., usw. Scheint da so üblich zu sein. Allerdings sind besonders die Kasachen oft von einer erstaunlichen arroganten Rotzigkeit. Das kann aber auch damit zusammenhängen, dass die gerade ihre Nationalismus und „Anti-Russismus“ entdecken. Wenn auch nicht offen, so doch deutlich und ständig wird den Russen im Alltag zu verstehen gegeben, dass Russland ja doch ein ziemlich großes Land sei – und dass da noch Platz für alle in Kasachstan lebenden Russen sein müsste. Der Präsident steuert in dieser Sache noch gegen weil er weiß, was das für ein Unfug ist (er ist generell sehr moderat und unterstützt die Idee eines zweisprachigen – Russisch, Kasachisch – Vielvölkerstaates mit gleichermaßen guten Beziehungen zu Russland und dem Westen), doch unterschwellig breiten sich die antirussischen Ressentiments aus. Für den durchschnittlichen Kasachen mag ich auf den ersten Blick, auch wegen meines fließenden Russisch, wie ein Russe erschienen sein. Daher deren Verhalten. Auf der anderen Seite waren die Russen dort größtenteils sehr offen, hilfsbereit und humorig. Genau das Gegenteil von dem, was ich bei einem amerikanischen Blogger, der durch Zentralasien gereist ist, gelesen habe. Der meinte, die Russen seien alle unfreundlich gewesen, die Kasachen dagegen die nettesten und freundlichsten Menschen der Welt. Von ihm stammt allerdings eine Beschreibung der russischen „Babushka“, d.h. der durchschnittlichen Russin über 55, die großartig ist: „...eine Horde bösartiger Trolle, die sich als fassförmige ältere Damen getarnt haben...“. Das trifft’s sehr schön! Seine Einschätzung der Bevölkerungsgruppen insgesamt beruht aber wohl eher auf antirussischen Vorurteilen, oder er wurde als nicht des Russischen mächtiger Ami von westbegeisterten, antirussischen Kasachen hofiert, derweil er von Seiten der Russen ihren geballten Antiamerikanismus um die Ohren bekam. Mir gegenüber waren zumeist die Russen die angenehmeren Zeitgenossen.

Allerdings ist das eher eine Tendenz. Es gab auch erstaunliche andere Begebenheiten. Eines Abends fuhr ich mit einem „Privattaxi“ nach hause, die Fahrt dauerte wegen der üblichen Staus etwas über eine halbe Stunde. Der Fahrer, ein Kasache, der früher in Gebrauchtwagen gemacht hatte, war in den 90ern oft in Deutschland gewesen und beeindruckte mich mit umfangreichen Landeskenntnissen. Um Land und Leute besser kennenzulernen, war er auf seinen Reisen auf immer neuen Routen gereist und erstaunlich herumgekommen. Als wir schließlich unser Ziel erreichten, meinte er: „War ein prima Gespräch. Hat mich gefreut, Deine Bekanntschaft zu machen. Das Geld lass mal stecken, war mir ein Vergnügen.“

Ein anderes freundliches Erlebnis aus dem Themenkreis „Taxi“: Nachdem ich einmal zu schon fortgeschrittener Stunde in einer größeren Gruppe über eine halbe Stunde auf wenigsten irgendeinen Bus gewartet hatten (Fahrpläne existieren nicht, man steht da auf gut Glück), sprach mich einer der anderen Wartenden an, wo ich hinwolle und ob wir uns nicht ein Taxi teilen könnten. Ich war einverstanden, so auch zwei weitere Fahrgäste. Der Fahrer des von uns schließlich bestiegenen Gefährts begann bald eine Plauderei in deren Verlauf mein Akzent mich dann doch als Nicht-Russen verriet. Als er hörte, dass ich Deutscher bin, gab er folgende Geschichte zum besten: Er war im Altaigebirge (das liegt im Nord-Osten Kasachstans und in Südsibirien) in der Nähe eines Kriegsgefangenenlagers aufgewachsen. Einige Jahre nach dem Krieg seien viele Häftlinge zwar aus den Lagern, aber noch nicht nach Deutschland entlassen worden. Da zu jener Zeit in den umliegenden Dörfern wegen der Kriegsverluste ein dramatischer Männermangel geherrscht habe, die weibliche Bevölkerung dementsprechend, sagen wir, recht zutraulich gewesen sei, ein Verhalten, das die jahrelang unfreiwillig zölibatären ehemaligen Lagerinsassen durchaus geteilt hätten, seien viele von ihnen nicht weit vom Lager weggekommen, sondern gleich in der Nähe hängen geblieben (die meisten ihrer Kinder seien in den letzen Jahren nach Deutschland ausgewandert, die Alten lebten aber größtenteils noch dort). Arbeit fanden sie im örtlichen Kolchos, der unter deutschem Einfluss der bestgeführte, produktivste und ordentlichste gewesen sei. Der Volksmund habe ihn darauf inoffiziell in „BRD“ umgetauft.

Als es für mich Zeit war auszusteigen, erließ mir der Chauffeur kurzerhand meinen Anteil an den Fahrtkosten.
Die Bedienung in den Supermärkten war auch fast immer rührend bemüht, wenn auch zuweilen von einer mir sich nicht erschließenden Logik gesteuert. So passierte es mir mehrmals, dass auf meine Frage nach dem Vorhandensein, bzw. dem Standort eines bestimmten Produktes geantwortet wurde: „Ich komme sofort“, dann verschwand die gute Frau für mehrere Minuten (ich fand und beobachtete sie aus sicherer Entfernung in aller Seelenruhe Waren ins Regal einsortierend), bevor sie wieder auftauchte und mich persönlich bis zum gewünschten Artikel begleitete und sicherstellte, das ich ihn auch garantiert finde. Eine andere Variante war, sich mit dem Hinweis auf Unwissenheit für „eine Minute“ zu entschuldigen, um nach reichlich längerer Zeit mit einer informierten Kollegin zurückzukehren, die nun ihrerseits den Sherpajob durch die Regalreihen übernahm. Alles ziemlich sonderbar, doch auf seine originelle Art kundenfreundlicher als die klassische Berliner Antwort: „Dritte Reihe gleich hinter den grmblft und rabrablmdst nedenden brstmlst. Verstanden?“

Die oft augenfällige Mentalitätsähnlichkeit der Kasachen mit den Türken kann letztenendes nicht wirklich verwundern, da das Kasachische eine Turksprache ist, und die sind sich alle recht ähnlich. Kasachen, Türken, Turkmenen, Aserbeidschaner und Tataren können untereinander auf ihrer jeweiligen Muttersprache loslegen und verstehen einander trotzdem hervorragend. Daher ist die Politik Nasarbajevs, die Zweisprachigkeit des Landes plus flächendeckender Vermittlung des Englischen als reichlich pfiffig zu bezeichnen. So können die Leute in drei nicht gerade kleinen Sprachräumen tätig werden, wobei sie die jeweils am besten passende Sprache beherrschen – ehemalige SU (Russisch), sämtliche Turkvölker (Kasachisch) und westliche Welt (Englisch). Ein nicht geringer Vorteil. Ausgehend davon, dass Sprach- und Kulturräume sich zumindest überschneiden, ist angesichts der Turkprägung der Mentalität durch einer der beiden offiziellen Verkehrssprachen ein gewisser „Herrmannstraßen- oder Adalbertstraßenaktor“ im Auftreten des Durchschnittskasachen durchaus verständlich.

Fernsehen ist zweisprachig, d.h. 50:50 Russisch und Kasachisch, wobei es allerdings keinen erkennbaren Schlüssel gibt. Wie sich die Helden des nächstfolgenden Films verständigen werden, wird so jedes Mal zur Überraschung. Eine besondere Freude war es, „Spiel mir das Lied vom Tod“ auf Kasachisch zu sehen. Zunächst noch ganz amüsant, ging es ab dem Moment gar nicht mehr, in dem das Gespräch zwischen Henry Fonda und Charles Bronson sich so anhörte, wie ein Streit zwischen Ali und Mehmet, wer hier im Kiez Drogen verkaufen darf. Es gibt tatsächlich Sprachen, die machen einen Film kaputt!

Die am weitesten verbreitete Religion ist der Islam, wenn auch in einer reichlich liberalen Variante. Es wird allenthalben gerne einer gehoben und fast alle essen Schwein, was in Kasachstan mit das teuerste Fleisch ist; Hammel ist dagegen billiges Massenfutter; Pferdefleisch gilt als das hochwertigste Fleisch überhaupt, da die Tiere frei in der Steppe gehalten werden, d.h. nur frisches Gras und keine Futterzusätze fressen, von allen Speisetieren als einzige nur aus fließenden Gewässern trinken und wegen des reichlichen Auslaufs praktisch fettfrei sind. Wenn man diesem Ranking nun deutsche Maßstäbe gegenüberstellt, werden doch einige Unterschiede deutlich! Ein schönes Knabberwerk zum Bier ist in dünne Streifen geschnittenes und getrocknetes Pferdefleisch (für alle Karl-May-Leser: so was wie Pferdepemmikan). Sehr wohlschmeckend, sättigend und energiereich – der beste Proviant für Wanderungen: nimmt wenig Platz weg und schon kleine Mengen geben neue Kraft.

Zurück zur Religion. Hier ist ein – noch schwaches – Erstarken prinzipienorientierterer Positionen zu beobachten: Im Supermarkt an der Fleischtheke wirbt eine Firma damit, grundsätzlich kein Schwein zu verarbeiten, ein Produzent von Geflügelprodukten legt besonderen Wert darauf, sich bei Haltung und Schlachtung von islamischen Grundsätzen leiten zu lassen (welche das auch immer sein mögen), eine „Ägyptische Universität zum Studium des Islam“ in Almaty erfreut sich (angeblich) wachsender Beliebtheit, Kopftücher sind im Stadtbild zwar selten, werden aber merklich mehr (so die Kollegen), und am Badestrand taucht eine wachsende Zahl der sich sonst teilweise beeindruckend sexy kleidenden Kasachinnen züchtig mit T-Shirt und Dreiviertelhosen in die Fluten. Ob es sich bei alledem lediglich um ein normalen Pendelausschlag im Rahmen der nationalen Identitätsfindung oder um Bodengewinn religiösen Dogmatentums handelt, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abzuschätzen. Einer wirklich ernsthaften Islamisierung steht auf jeden Fall der jetzige Präsident und seine Herrscherclique entgegen, auch wenn sie sich gern mit (moderaten) Repräsentanten des Islam schmücken und die Bedeutung dieser Religion für die eigenständige Kulturentwicklung ihres Landes unterstreichen.

Nasarbajev ist überhaupt ein eigenes Thema. Von allen postsowjetischen Potentaten (einschließlich Putin) kommt er noch am dichtesten an das Ideal des „ guten Autokraten im Dienst der Nation“ heran, wobei er selbstverständlich Sorge trägt, dass er und die Seinen nicht zu kurz kommen. Der Erdöl- und Uranreichtum des Landes wird nach einem - wenn auch reichlich eigenwilligen, so doch vergleichsweise – „gerechten“ Schlüssel unter das Volk verteilt: 50% des Geldes an die reichsten 25% der Bevölkerung, 30% an die mittleren 50% und 20% an die ärmsten 25% (zum Vergleich: in Russland haben sich ein paar Dutzend Leute alles unter den Nagel gerissen). Kasachstan hatte als eine der ersten ehemaligen Sowjetrepubliken ein nach den internationalen Regeln der Finanzwirtschaft funktionierendes Bankensystem um so die Grundlage für eine funktionierende Finanz- und Marktwirtschaft zu schaffen, etwas, was außer den baltischen Ländern keiner dieser Staaten bis heute hinbekommen hat. Das Land, soweit ich es in Almaty und bei drei Ausflügen in die Berge und die Steppe sehen konnte, macht einen gepflegten, wenn auch nach wie vor etwas runtergekommenen und noch in der Entwicklung befindlichen Eindruck.

Offene Nationalitätenkonflikte gibt es nicht, Multikulturalität und Zweisprachigkeit auf der Grundlage des Kasachischen sind offizielle Politik, ethnische Differenzen werden von offizieller Seite eingeschränkt oder geschlichtet und nicht angefacht und benutzt. Die Minderheiten wie Russen und Koreaner (mit anderen hab ich darüber nicht gesprochen) sehen in Nasarbajev einen Garanten von Stabilität und Sicherheit, gerade für sich. Außenpolitisch wird ein eigenständiger Kurs gefahren, der es dem Land bisher ermöglicht hat, gleichermaßen mit Russland und dem Westen gute Beziehungen als selbstbewusster Partner zu unterhalten. So weit so gut. Gleichzeitig herrscht natürlich, gerade in der Provinz noch postsowjetischer Verfall, Korruption und Tristesse, in einigen Gegenden geradezu mittelalterliches Reiternomadentum. Politische und/oder persönliche Nähe zum Präsidenten sind Voraussetzung für Einfluss, Macht und Reichtum im großen Stil. In den Zentren der Erdölförderung sollen wüste Zustände wie in Klondike zur Zeit des Goldrauschs zu beobachten sein. Und obwohl die Bevölkerung allenthalben zu umweltschonendem Verhalten aufgerufen und erzogen wird, begehen staatliche Stellen und Firmen und Unternehmen mit Regierungsprotektion unglaubliche Umweltverbrechen – als Beispiel sei hier die totale Versauung der Umwelt bei Aktau genannt. Andererseits hat sich das Land aber auch international anerkannte Verdienste bei der Rettung des Rest-Aralsees erworben, der Hauptunhold in dieser traurigen Angelegenheit ist Usbekistan.

Da der Steppenboden eigentlich sehr fruchtbar ist und bei Bewässerung reichlich grünt, ist die Wasserförderung von zentraler Bedeutung. Während einerseits mit Astana auf Präsidentenbefehl eine völlig neue Hauptstadt im Stil zwischen „Stalins Disneyland“ und hypermoderner Raumstation mitten in der Steppe unter erheblichem Aufwand aus dem Boden gestampft wird – das präsidiale Lieblingsprojekt zur Kündung seines Ruhms für die Nachwelt - (die dabei verbratenen Milliarden fehlen dann natürlich bei der Modernisierung z.B. des Gesundheitswesens), drehen die örtlichen Administrationen aus Ersparnisgründen (wie mir erzählt wurde) ganzen Dörfern das Wasser ab, was diese grünen Oasen in kürzester Zeit in trostlose Geisterstädte verwandelt (was ich selbst besichtigen konnte). Andererseits wird Almaty nach dem Verlust der Hauptstadtwürde massiv und durchaus erfolgreich mit dem Ausbau als Wirtschaftszentrum entschädigt. Unterm Strich ist Nasarbajev also eigentlich eine relativ positive Erscheinung, die in der Bevölkerung so populär ist, dass sie locker jede freie Wahl gewinnen würde. Warum er in einem irrationalen Reflex jeder politischen Opposition in quasi diktatorischer Manier das Leben schwer macht, ja, sogar vor der Verfolgung enger Familienmitglieder nicht zurückschreckt (sein Schwiegersohn und seine Tochter sind da gerade in eine reichlich dubiose Angelegenheit verstrickt), ist logisch nicht zu erklären. Eine Mischung aus asiatischem Allmachtsanspruch und sowjetischer Kontrollmanie? Schwer zu sagen. Jedenfalls sind Fernsehsendungen mit und über den Präsidenten eine wirklich körperliche Qual, da die dort betriebene Speichelleckerei regelmäßig die Grenze physisch spürbarer Erklimmung des präsidialen Enddarms weit hinter sich lässt. So bleibt für den westlichen Betrachter das höchst ambivalente Bild eines selbstgefälligen Potentaten, der zwar durchaus Erfreuliches zum Wohle seines Volkes und Landes bewirkt, gleichzeitig aber unverkennbare Züge östlichen Despotismus erkennen lässt.

Wegen des doch erheblichen Arbeitsaufwandes bin ich leider nur sehr begrenzt herumgekommen: zweimal einen Tagesausflug in die Berge, einmal in die Steppe und zweimal eine Erkundung Almatys. Die Berge waren halt Berge wie Berge nun mal sind: hoch, Steil und ab einer bestimmten Höhe mit Schnee bedeckt. Mit etwas über 3000 Metern habe ich meinen persönlichen Höhenrekord aufgestellt und bin, so unglaublich es klingt, in diesem Moment, also auf 3000 und etwas Metern in den Ausläufern des Tien-Shan-Gebirges zwischen Kasachstan und Kirgisien auf Berliner(!) gestoßen. Die sind überall, fast wie Japaner!

In der ganzen ehemaligen SU bekannt und auf seine Art eindrucksvoll ist der als offenes Stadion gebaute Eissportkomplex Medeyu auf gut 1500 Metern Höhe, von dem sich eine schnurgerade Treppe mehrere hundert Meter hoch bis zum Kamm eines aus zwei gesprengten Bergen errichteten Damms zieht, der Almaty vor Schlammlawinen schützen soll. Anfang der 70er erbaut, bestand er seine Feuerprobe wenige Jahre nach seiner Fertigstellung, als er eine ungeheure Geröll-, Schlamm- und Wassermasse aufhielt und so weite Teile der Stadt vor dem sicheren Untergang bewahrte. Das besteigen der Treppe war übrigens eine Qual. Nicht wegen ihrer Länge (die war natürlich auch eine Herausforderung), sondern weil es in der SU keine genormten Treppenstufen gegeben zu haben scheint, alle Stufen somit ein Unikate an Höhe und Tiefe sind – jeder Schritt wird so zu einem kaum merklichen aber auf die Dauer äußerst unbequemen Balanceakt. Wenn mir mal wer gesagt hätte, dass ich dereinst deutsche Treppenstufen nach DIN lobpreisen würde...

Interessanter war die Steppe. Ich nahm mir einen Tag extra eine Fahrer für die 80 Kilometer aus der Stadt, um das mal gesehen zu haben: Grasland, Grasland, Grasland – so weit das Auge reicht, und noch 2000 Kilometer weiter. Dazu 50 Grad im Schatten, nur dass es da keinen Schatten gibt. Als ich die Hand bei 150 km/h aus dem Autofenster hielt, um etwas Kühlung zu bekommen, war es als sei ich in den heißen Strahl eines riesigen Föhns geraten. Während wir so dahinfuhren, fragte ich den Fahrer, ob es in der Steppe auch Zecken gebe (die Berge bis 2000 Meter dort sind nämlich, wie weite Teile Sibiriens, mit meningitisinfizierten Zecken verseucht). Es wurde mir lebhaft versichert, das sei hier kein Problem. Eine Minute Schweigen, dann: „Hier gibt`s aber Sandvipern, Skorpione und Schwarze Witwen – naja, und die sind alle tödlich wenn sie einen beißen.“ Von da ab hing ich vor jeder Pinkelpause nach dem Anhalten zunächst einige Minuten aus dem offenen Fenster und inspizierte das umliegende Terrain um sicherzugehen, dass nicht irgendwo hinterhältiges Kriechgetier lauerte, nur darauf wartend, mich anfallen und mit seinem todbringenden Biss dahinraffen zu können. Bei Allem was kriecht, krabbelt, schwirrt und giftig beißt (also der gesamten Fauna zwischen Mücke und Kobra) bin ich ja sowas von feige.

Neben dem biologischen Spannungsfaktor war die Landschaft aber auch so beeindruckend, besonders, als sich mitten in der grasbewachsenen Ebene (die bei leichter Welligkeit übrigens so ebenerdig war, dass man die Straße verlassen und problemlos kilometerweit landeinwärtsfahren konnte) ein tiefer Canon mit einem türkis schimmerndem See auftat, gleichsam eine steinige Furche im Grasland.

Bevor ich es vergesse, die schlimmen und beschämenden kulturellen Folgen der deutschen Wiedervereinigung auch hier: Zunächst stand ich mit ungläubigen Entsetzen vor einer Konzertankündigung von Tokio Hotel. Die spielen tatsächlich in Almaty. Ob diese Schulabbrecher überhaupt lange genug in Geographie mit dabei waren, um zu wissen wo das ist? Es wurde noch schlimmer. Jeden Tag zu sehen: einzeln und in Gruppen Minderjährige, ganz überwiegend weiblichen Geschlechts, mit Tokio Hotel-T-Shirts, -Bandanas und ähnlichen Devotionalien angetan. Außerdem mehrmals täglich diese Kindervariante des Sparkassenfilialleiter-Rocks hinter ihrem gerade dem Vorschulalter entwachsenen Front-Transvestiten auf allen Musikkanälen. Es ist zum heulen, kein Wunder, dass sich in diesen Ländern eine wachsende Anzahl Menschen dem Islamismus zuwendet, wenn wir ihnen so etwas als westliche Lebensweise andrehen wollen. Tokio Hotel, Skorpions, Rammstein, Modern Talking – alles Argumente für die Musikfeindlichkeit der Taliban oder gleichgesinnter bebärteter Turbanträger. Alles deutsche Bands – der musik-kulturelle Tod ist ein Meister aus Deutschland.

Meine Abreise aus Almaty zeigte dann wieder die ganze Bandbreite kasachischen Alltagslebens: Weil irgendeine Formalie nicht erledigt war, hielten die zuständigen Grenzbeamten den gesamten Eincheckbereich des Flughafens gesperrt, obwohl die Eingangshalle schon mit hunderten Reisenden, Koffern, Kindern, Gepäckwagen, Verwandten, Souveniershops, Kofferträgern usw. überfüllt war – ein totales Chaos, das die Ordnungskräfte aber so überhaupt nicht interessierte, da sie ja von einer Absperrung von dem wüsten Getümmel getrennt standen und sich da Bild gemütlich anschauen konnten. Als der Durchgang dann doch freigegeben wurde, hielt mich ein Zöllner mit der Frage an, wie viele Tenge – die dortige Währung – ich bei mir hätte. Ich zog mein Portemonnaie um nachzuschauen, worauf er erschrocken abwinkte: „Nicht nötig nachzuzählen! Hier sind überall Kameras, die denken sonst noch ich hätte versucht, Dich um ein Bakschisch zu erleichtern.“ Der Kampf gegen die Korruption trägt also erste Früchte. Warum er allerdings gefragt hat wenn er mich nicht zu kontrollieren gedachte, erschließt sich mir bis heute nicht ganz.

Dass gewissenhafte Pflichterfüllung nicht immer segensreich ist, bekam ich dann in Frankfurt zu spüren. Ich hatte meine letzten Tenge (immerhin im gegenwert von 16 Euro) in Vodka und kasachischen Cognac angelegt. Als ich nun mein Flugzeug nach Berlin besteigen wollte, hieß es, selbst verschweißte Duty Free Tüten aus nicht-EG-Ländern dürften nicht an Bord – so war ich nach längerer aber vergeblicher Diskussion mit den durchaus höflichen Wachleuten gezwungen, der Vernichtung köstlicher Getränke beizuwohnen. Darauf brauchte ich im Flugzeug erstmal ein Bier – und es gab nur Warsteiner!

Aktualisiert am
13.05.2017
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