Kapitel 9 + 10

Silvester haben wir ungefähr 200 km nordwestlich von Petersburg auf der Datscha von Freunden verbracht. Ursprünglich hatten wir vor, nach Berlin zu fliegen, doch dann kam diese Einladung. Nach kurzer Überlegung und Abwägung (in Berlin alle Kumpels sehen, wobei nach zehn Tagen Durchfeiern angesichts meiner allgemeinen Erholungsbedürftigkeit definitiv zwei Wochen Sanatorium angesagt gewesen wären – in Karelien mit äußerst angenehmen Leuten friedlich mitten in der Natur zu sitzen, mit viel Essen und Rotwein; Außerdem waren wir noch nie in Karelien) frisch für Karelien entschieden (Frau Elsaesser, Sie haben nicht die richtige Entscheidung getroffen – schade).

Also wir am 30.12. morgens mit dem Zug in Petersburg angekommen und von unsere Freunden abgeholt worden. Den Tag über noch einiges Eingekauft (z.B. Weihnachtsgeschenk für die Gattin, so was klappt bei mir immer erst im letzten Moment) und abends in zwei völlig beladenen Autos zu einer 2,5-Stunden-Fahrt aufgebrochen.

Heftigstes Schneetreiben, teilweise war die Straße kaum noch zu sehen. Je weiter wir uns von Petersburg entfernten, desto „märchenwaldhafter“ wurde die Umgebung und desto mehr Autos im Graben säumten die Straße.

Nach einer Weile tauchte vor uns ein Gefährt auf, das die schönsten Sinuskurven fuhr und einen ihn gerade überholenden Wagen fast von der Fahrbahn drängte. Als wir nun direkt hinter ihm fuhren, stellten wir fest, dass es sich um einen Verkehrsbullen handelte, der randvoll hinterm Steuer..., ja, was nu? „saß“ ist definitiv nicht der passende Ausdruck, eher „dämmerte“. Natascha, meine Fahrerin (ja, ich habe mich freiwillig bei diesem Wetter in ein Auto gesetzt, bei dem eine Frau am Steuer saß – was tut man nicht alles, um seine Gutwilligkeit gegenüber der Gleichberechtigung zu demonstrieren), entschied sich todesmutig, diese staatlich angestellte Alkohol-„Shakhidka“ (Shakhidka = Russisch für Selbstmordattentäterin) zu überholen. Als wir auf gleicher Höhe waren, steuerte der rot aufgedunsene Gesetzeshüter tapfer auf uns los. Ob mit Absicht oder weil völlig peilungslos, ließ sich nicht erkennen. Jedenfalls wurde es reichlich knapp. Am Ende ist ein Mercedes aber dann doch schneller als ein Lada. Wir sofort das zweite Auto mit unseren anderen Hälften angerufen, da wir beide doch ernste Sorgen hatten, demnächst als Witwe und Witwer durchs Leben gehen zu müssen.

Folgender Dialog: „Hey Witold, Achtung wir haben eben einen völlig besoffenen Bullen überholt, der uns fast abgedrängt hätte.“ „Keine Sorge, wir sind gerade dran vorbei, der liegt schon im Graben“. Manchen Dingen muss man nur ihren Lauf lassen, dann lösen sie sich ganz von selbst.

Endlich bei der Datscha angekommen. Mitten in der Pampa (oder besser im Wald), weitab von jeder ernstzunehmenden Straße, am Rand eines kleinen Dorfes oberhalb eines sanft zu einem See abfallenden Hanges, wovon wegen des dichten Schneetreibens allerdings zunächst nichts zu sehen war. Das Haus selber war aus Holz, zweistöckig und machte von außen einen behaglichen Eindruck. Leider war es uns vorerst nicht vergönnt festzustellen, ob das Innere des Hauses dem äußeren Anschein entsprach, da sich herausstellte, dass wir den Schlüssel in Petersburg vergessen hatten. Natascha etwas zerknirscht bei ihren Eltern in Petersburg angerufen und die dumme Situation geschildert, worauf ihr Vater sich heldenhaft ins Auto setzte, um den Schlüssel anzubringen.

Inzwischen hatten wir auch herausgefunden, dass im ganzen Dorf der Strom ausgefallen war, weshalb wir nicht mal irgendwelche Hoflampen anmachen konnten und unsere Autoscheinwerfer die einzige Lichtquelle blieben. Da die Zeit bis Vatters Eintreffen ja irgendwie sinnvoll zu nutzen war, haben wir also einen Weg für die Autos durch den knietiefen Schnee vom Grundstückstor bis zum Unterstand gegraben, womit wir schon einmal 1,5 Stunden beschäftigt waren.

Als das geschafft und die Autos in den Unterstand bugsiert waren, sind wir zum Aufwärmen zum Nachbarn, der bei Kerzenschein und Ofenheizung in seiner Holzhütte saß und uns gleich mit Speck, Kartoffeln und Selbstgebranntem, in dem ein Baumschwamm angesetzt worden war, bewirtete. Das Getränk sah zwar etwas fies aus, war aber sehr mild und erinnerte im Geschmack etwas an Cognac. Auf meine Frage, wie viel Umdrehungen denn diese Kreation habe, meinet er „20%“ und hielt mir einen langen Vortrag, wie man den Brennvorgang steuern müsse, damit man eine so geringe Prozentzahl erreiche. Da ich aber nach dem dritten Kurzen schon reichlichst entspannt-heiter war, musste ich feststellen, dass er mir gewissermaßen „Schwarzbrennerlatein“ erzählt hatte. Tatsächlich hatte das Zeug so um die 50-60%, so genau weiß das keiner. Ist auch allen egal, Hauptsache, es dröhnt ordentlich.

Als nach insgesamt fast drei Stunden der Vater mit dem Schlüssel endlich eintraf, wartete schon die nächste Überraschung auf uns: Offensichtlich war der Strom im Haus schon seit längerer Zeit ausgefallen, so dass die Elektroheizung mit Zeitschaltung seit mindestens einer Woche nicht mehr lief – und das bei strammem Frost. Resultat: Das Gemäuer war völlig durchgekühlt, alles Wasser war eingefroren (sogar das in der Kloschüssel und im Spülkasten), fließend Wasser gab’s dementsprechend nicht, die gesamte Leitungsanlage in der Banya (russische „Sauna“) war geborsten, an Saunagänge im Schnee oder auch nur an Waschen oder aufs Klo gehen mithin also nicht zu denken. Zum Glück funktionierte wenigstens der Gasherd, so dass wir was Warmes kochen konnten.

Während in Deutschland in Gameshows die Kandidaten sich wochenlang in historische Lebensumstände zurückversetzen ließen, stand uns nun unfreiwillig ein ebensolcher Urlaub bevor, zumal wir zum Heizen nur Kamin und Ofen hatten und als Kochwasser Schnee auftauen mussten. Nach kurzer Beratung haben wir aber beschlossen, die Sache sportlich anzugehen und zu sehen, wie lange wir es unter diesen Umständen machen würden. Die erste Nacht war dementsprechend abenteuerlich: alle schliefen dick angezogen in einem Raum, in dem sowohl der Kamin als auch der Ofen ständig befeuert werden mussten, um die Temperatur wenigstens ansatzweise so zu erwärmen, dass beim Ausatmen kein Kondensdampf entstand. Auch wenn Nataschas Vater sich geradezu heldenhaft den Grossteil dieses Stresses mit einer Mischung aus Verantwortungsgefühl und kindlicher Freude am Abenteuer widmete, war zumindest bei mir, an ruhiges Schlafen wenig zu denken, da doch immer darauf geachtet werden musste, dass der Kamin nicht ausging.

Zwar gelang es Nataschas Vater einen Tag später in einer beeindruckend funkenstiebenden Aktion, unser Haus wieder an das, inzwischen reanimierte, Dorfstromnetz anzuschließen, so dass wenigstens die Heizung ansprang; fließend Wasser oder Innentoilette blieben aber zunächst Erinnerungen aus einer anderen Welt. In dieser Zeit wurde uns dann auch klar, warum die früher weder Radio, noch Fernsehen, ja nicht einmal Bücher gebraucht haben, um keine Langeweile aufkommen zu lassen; die waren schlichtweg den ganzen Tag mit Überleben beschäftigt: Nach dem Aufstehen Ofen und Kamin reinigen, den Weg zum Holzschuppen freischaufeln, Holz holen, Feuer machen, Schnee auftauen zum Abwaschen, dann Schnee tauen zum Kochen, kochen, Holz holen und Nachlegen, zur nächsten Quelle fahren, Trinkwasser holen, Holz holen und nachlegen etc. Wenn man bedenkt, dass die gleichzeitig noch irgendeinem Broterwerb (Landwirtschaft, Jagd, Handwerk oder Ähnliches) nachgegangen sind, dann war der Tag mehr als reichlich gefüllt. Langeweile gab’s nicht, und sollte es wirklich mal etwas ruhiger werden, wurde mit Selbstgebranntem der Härte dieses Frondienstes am Leben entflohen (was mich zu der – zugegebenermaßen gewagten – Kulturtheorie inspirierte, dass Fernsehen eine zivilisatorische Degenerationserscheinung ist, während Saufen zu den Grundbedürfnissen des Menschen zählt, wie Essen, Trinken, Schlafen, denn nur mit Grundbedürfnissen haben die sich damals beschäftigen können; deshalb ist Fernsehen auch ein Übel, ordentlich einen heben dagegen.... naja, war halt so' ne Idee).

Solange das Klo vereist war, diente eine etwas windgeschützte Ecke des Grundstücks hinterm Holzschuppen als Ersatz. Dazu mussten aber ungefähr 50 Meter über ein Schneefeld zurückgelegt werden. In der zweiten Nacht hockte ich da also, die Nacht sternklar vom Vollmond und dem ihn reflektierenden Schnee so erhellt, dass man ohne Beleuchtung hätte lesen können. Völlige Stille. Von Zeit zu Zeit wehte vom See her ein eisiger Luftzug herauf, der einem an den ungeschützten Kronjuwelen packte und die Idylle doch empfindlich störte. Auf einmal ein fieser Gedanke: „Wölfe! Gibt’s hier eigentlich Wölfe?“ Das zeitweise, eisige Gefühl unterhalb der Gürtellinie wurde nun ergänzt durch ein ebensolches, anhaltendes über den Rücken laufendes. Mit boshafter Freude spulte die Erinnerung Sequenzen aus Horror- oder Gruselfilmen ab, die Gemeinerweise auch alle in einer ähnlichen Landschaft spielten. Angestrengtes Horchen in die Stille: Nichts, nur das manchmal aufkommende, leise Fauchen des Windes und das Bellen eines Hundes im Dorf. So war es immer, bevor das Opfer zerrissen wurde: Ruhe, Idylle, Vollmond, nur der Wind zu hören. Während ich hastig die ganze Veranstaltung beendete und begann, über das Schneefeld zum Haus zu stapfen, sah ich wie im Film die Kamera aus der Wolfsperspektive unruhig wackelnd im Laufrhythmus des Raubtiers sich über die Schneefläche dem Haus nähert. Bald ist schon das ahnungslose Opfer zu sehen, dem sich die Kamera in zunehmend hektischer werdenden Bildern von hinten nähert. Ich beschleunige meine Schritte und schaue mich um. Vor meinem inneren Auge bemerkt das Opfer, das natürlich so aussieht wie ich, die herannahende Gefahr und versucht im letzten Augenblick zu fliehen, doch es ist zu spät: Während auf der Tonspur die verzweifelten Schmerz- und Angstschreie ersterben und von erbarmungslosem Knurren und Schmatzgeräuschen abgelöst werden, fixiert die Kamera einen Ausschnitt der Schneefläche, die sich von immer neuen Blutspritzern im fahlen Mondlicht rot färbt.

Nachdem ich mit erhöhter Herzschlagfrequenz und hastigen Schritten das Haus erreicht und die Tür hinter mir geschlossen habe, entschied ich, dass zu viel fernsehen paranoid macht (passt auch gut in meine Kulturtheorie von der Degenerationserscheinung) und dass es an der Zeit ist, wieder mehr zu lesen oder mehr zu trinken (ist ja ein Grundbedürfnis, s.o.), dann würden mir solche Schwachsinnsszenarien auch nicht einfallen.

Als Natascha am nächsten Tag erzählt, dass in dem Dorf alle, einschließlich ihres Vaters, mit Genehmigung der Behörden ohne Lizenz eine Flinte im Haus haben wegen der zahlreichen Wölfe in der Gegend, die in richtig kalten Wintern bis ins Dorf kommen und Kleingetier reißen, verbringe ich einen nicht geringen Teil des Tages damit, mit Hilfe eines Elektroheizkörpers, eines Föhns und einer Flasche Abflussfrei die Innentoilette zu enteisen und benutzbar zu machen.

Trotz aller Widrigkeiten ist am 31.12. abends alles vorbereitet, Glühwein, Salate etc., das Haus ist warm, ein weiterer Gast eingetroffen, Knaller sind besorgt und – da Svetik am 1.1. Geburtstag hat (schlimme Sache: sein Leben lang am Geburtstag nur komatische, schwankende Gestalten mit zerstörten Gesichtern um sich) – eine riesige Torte vorbereitet, in der Natascha ca. drei Liter Smetana (so was wie Creme Fraiche) mit 20% Fett verbacken hat. Die Torte ist großartig in Anblick und Geschmack, hat aber so viele Kalorien, dass man wahrscheinlich drei äthiopische Dörfer mehrere Monate damit ernähren könnte: ein Stück am Tag und der Hunger ist bis zum Abend gebändigt. Die Torte ist dann auch der letzte Anstoß, der mich schließlich dazu bringt, wirklich fast jeden Tag joggen zu gehen, um nicht der völligen Madenhaftigkeit anheim zu fallen. Silvester war dann so, wie wir uns das vorgestellt hatten, friedlich und klasse, auch wenn ich so alle war, dass ich recht früh schlafen gegangen bin, derweil die Weiblichkeit noch eifrig weiter getrunken hat (was sich in den nächsten drei Tagen fortsetzte: der weibliche Teil der Gesellschaft sprach den geistigen Getränken weitaus entschiedener zu als der männliche).

Nach fünf erholsamen und vergnüglichen Tagen sind wir dann nach St. Petersburg zurück, wo Svetik und ich dann noch einige Tage bei anderen Freunden waren. Der Familie Gatterbauer/Slivka sei hiermit ganz herzlich für diese gelungene Reise gedankt und Gruß an die Eltern).

Zum Aufwachen schalten Svetik und ich immer die russische Ausgabe von Euronews ein. Letztens dröhnte es aus der Kiste: „die heißesten Stories, die heißesten Bilder - Euronews!“ Derweil flimmerte der tote Prinz Rainer im Sarg über den Bildschirm.
In einem Fernsehbericht zum 1. Mai in Berlin hieß es hier, „Monarchisten“ hätten sich eine Straßenschlacht mit der Polizei geliefert. Wenn das die Jungs und Mädels von der Anarchofraktion aus Kreuzberg wüssten...

Wie schon zuweilen in meinen Berichten Anklang, ist Russland ein Land mit einem ausgeprägten Hang zu formalistischer Bürokratie, die den Leuten hier ständig das Leben vergällt, manchmal aber auch schöne Eigentore schießt. In Russland ist Werbung für Spirituosen im Fernsehen verboten. Da „Vodka“ vom russischen Wort für „Wasser“ abgeleitet ist, machen einige Vodkahersteller folgendes: sie drucken dreist Etiketten auf denen statt „Vodka“ „Trinkwasser“ steht, sonst aber genau so aussehen, wie das Original und kleben sie in Ihren Werbespots auf die Flaschen. Im Fernsehen laufen nun Spots für „Trinkwasser“ wobei jeder weiß, dass es dieses Wasser im Geschäft nicht gibt und dass das beworbene Produkt Vodka ist. Rein formaljuristisch machen sich die Werber aber nicht strafbar, da ja keine Spirituose beworben wird.

Alle zwei Wochen gehe ich mit meinem Kumpel Vadik sonntags in die Banya (Sauna). Man sitzt da in togagleiche Laken gewickelt zu viert in bahnabteilähnlichen Separees, trinkt Bier oder Kwas (vergleichbar mit Malzbier), und alle 40 Minuten wird ein Schwitzgang eingelegt, wobei diese Banya eine Besonderheit ist. Obwohl öffentlich, trifft sich dort immer der gleiche Kreis von ca. 50-100 Leuten, die fast alle richtige Liebhaber des kultivierten Schwitzens sind. Also schleppen sie allerlei getrocknete Gräser und Aufgüsse mit sich, die dann jeweils zwischen den Schwitzgängen nach einem bestimmten System wechselnd in der Banya selber aufgehängt, bzw. über den Ofen gegossen werden, so dass man abends wohlig nach Kräutern duftend nach Hause kommt. Sehr sehr prima Sache, macht Spaß, trägt zum Wohlbefinden bei und ist gesund.

Letztens saßen Vadik und ich da und beobachteten die Anwesenden. Ein Typ fiel besonders auf: erste Hälfte Vierzig, etwas schlaff-verlebt mit männlich kantigen Gesicht, der in wichtig aussehender Gesellschaft bei den „Stars“ der Veranstaltung saß (da sind immer ein paar wichtige Anwälte etc., die beim „Obersaunisten“ sitzen) und sich sichtlich selbst beobachtete, in wie weit seine Erscheinung, seine Gesten, ja sogar sein Gesichtsausdruck „Männlichkeit“ ausdrückten. Vadik und ich den Knaben gleich begeistert durchdiskutiert - es gibt ja kaum etwas Spaßigeres als an öffentlichen Orten sich Geschichten zu den Gesichtern unbekannter Menschen auszudenken. Vadik meinte, der Typ sei ehemaliger Offizier und jetzt „Businessmann“, was so viel heißt wie windiger Geschäftsmann, dessen Tätigkeit mindestens zu einem Drittel außerhalb der Legalität liegt. Den Businessmann hätte ich vielleicht durchgehen lassen, aber für einen (ehemaligen) Soldaten war er bei allem kernigen Gehabe zu sehr auf Schau bedacht und es wirkte zu gespielt. Außerdem wirkte er irgendwie zu weichlich. Vadik meinte noch: „schau dir dessen Hände an. Der ist Soldat, mit den Pfoten hat der nie gearbeitet.“ Mal abgesehen, dass das natürlich ein belustigender Gedanke ist – Soldaten habe Frauenhände da sie sich nie die Finger mit körperlicher Arbeit schmutzig machen müssen – überzeugte es nicht. Soldaten, Bullen, Bauarbeiter usw. eifern einem Männerbild nach, von dem sie überzeugt sind, sie spielen es nicht, sie bemühen sich, so zu SEIN, wie ihr Ideal. Dieser Typ versuchte offensichtlich jemanden darzustellen, der einem bestimmten Männerbild entspricht, und zwar, weil „Mann“ sich unter Männern in der Banya so gibt (obwohl die richtig coolen Knaben außer einer gewissen Niveauabsenkung in der Ausdrucksweise sich benehmen wie immer, die haben es nicht nötig zu zeigen, wie männlich sie sind).

Wie auch immer, Vadik und ich so lange ergebnislos rumdiskutiert, bis es Vadik reichte und er direkt auf den Typen los und gefragt, ob er Soldat sei. Der ihn zunächst völlig verdutzt angestarrt, dann verächtlich an ihm herabgeschaut bevor er den Kopf beleidigt ins Genick warf, „nein“ sagte und ging (der Auftritt war wirklich so). Wir beide uns angeschaut „was war’n das?“ Einer aus der Entourage des abgegangenen meinte daraufhin: „Mann, der ist ein bekannter Fernsehschauspieler.“ Da hatten wir einen echten Semi-Star einfach nicht erkannt, was ihn sichtlich tief gekränkt hat. Zwei Wochen später war er wieder da und starrte uns feindselig an als er uns erkannte. Seither hab ich ihn ein paar Mal in der Glotze gesehen – er gibt in mittelmässigen russischen Serien den „Kernigen“.

Noch was zum Thema Reisen. Nach dem Entschluss der russischen Regierung, den Sieg über den Faschismus nur im Kreise anderer Regierender zu feiern, ohne das Volk, dass diesen Sieg durch seine Tapferkeit und seine Opferbereitschaft errungen und bezahlt hat, wurde mitgeteilt, dass die gesamte Moskauer Innenstadt für zwei Tage komplett gesperrt (sogar für Krankenwagen) und Zugang nur mit Passierscheinen möglich sein werde. Alle Strassen nach Moskau würden geschlossen, dafür seien alle Wege aus der Stadt offen. Die Bevölkerung verstand den dezenten Hinweis und machte sich in Scharen aus dem Staub.

Kleiner Einschub: Sogar Kriegsteilnehmern wurde der Zugang zu Parade und Innenstadt verwehrt, außer einigen Dutzend, viele schon von Altersschwäche und Demenz gezeichnet, die sich nicht mehr wehren konnten und auf alten Armeelastern als Dekorationsmasse über den roten Platz gekarrt wurden. Dass unsere demokratischen Staatshäupter sich nicht zu schade waren, an dieser Veranstaltung teilzunehmen, die gleichermaßen den Größenwahn des Putinregimes, seine Verachtung des eigenen Volkes, seine Verlogenheit und seine Rechtfertigung des Stalinismus ins grelle Licht der Weltöffentlichkeit schob, ist schon bezeichnend. Allein dafür hätten die Sozis bei uns zwanzig Jahre Oppositionsbank verdient. Das bittere ist nur, dass die anderen noch schlimmer sein werden: Es hat noch nie einen Diktator gegeben, dessen Hände zu blutverschmiert waren, als dass sie nicht herzlich von christ-demokratischen Kämpfern für das ungeborene Leben geschüttelt worden wären. Er musste nur den richtigen Feind haben – früher Rote, heute Moslems.

Wie die meisten Moskauer überlegten nun auch Svetik und ich, wie wir die vier Tage sinnvoll außerhalb der Stadt verbringen könnten. Pläne nach Nizhnyj Novgorod zu fahren (wunderschöne, alte Stadt), zerschlugen sich aus Fahrkartenmangel – offensichtlich war die Idee nicht allzu originell. Donnerstagabend sitzen wir also gnatzig zu Hause rum und überlegen, wie wir das Wochenende doch noch retten könnten, da ruft ein Kumpel an: „Wir fahren Samstag früh morgens los, Minchin hat ein Haus kurz hinter Smolensk, 400 km von Moskau entfernt, schlichte dörfliche Einrichtung aber okay. Liegt direkt an einem See der voll mit Fischen ist. Drei Tage Schaschlik, Grillfisch, Bier, Vodka und Natur.“ Da war sie, die Losung all unsrer Probleme für dieses Wochenende. Allerdings hätte die Tatsache, dass der Hausbesitzer selbst nicht mitkam uns stutzig machen müssen.

Am nächsten Tag rief Gulin an: „Also, wir fahren nicht morgen früh, sondern heute Nacht, um den Staus zu entgehen. Wenn wir ankommen, können wir erstmal ausschlafen. Ach ja, wir fahren mit Vaters UAZik, ich hoffe, dass stört euch nicht.“ Obwohl nach dieser Ankündigung eine deutliche Bangigkeit in meinem Herzen zu keimen begann, log ich natürlich, dass das kein Problem sei. Dazu muss gesagt werden, der UAZ, im Volksmund liebevoll „UAZik“ genannt, ist das Geländefahrzeug der russischen Armee und Polizei. Seine Vorteile – er kommt praktisch UEBERALL durch und lässt sich im Zweifelsfall mit einem Hammer, einem Taschenmesser und jedem beliebeigen Stück Metall reparieren – gleicht er durch einen Fahrkomfort aus, der einem im günstigsten Fall einen Bandscheibenvorfall und eine Wanderniere beschert, er ist grausem langsam, und obendrein hat er den Hang zu zeigen, dass es umsichtig war, ihn so zu bauen, dass sich jedes Teil leicht ersetzen lässt und dass es ratsam ist, zusammen mit dem Führerschein am besten gleich noch eine Ausbildung als Kfz-Mechaniker zu machen, bevor man sich hinter sein Steuer wagt.

Wir waren um 22.00 verabredet, Gulin kam um 23.00, und es zeigte sich, dass er die frisierte Jagdversion des Gefährts hatte: weniger reperaturanfällig, deutlich schneller und geringfügig bequemer. Wir also weiter, die letzten beiden Mitglieder unserer Expedition eingeladen, quer durch die ganze Stadt, um noch allerlei Kram aus einer Wohnung abzuholen (wobei wir beim Beladen den Ghettoblaster im Hof stehen ließen, was wir leider erst nach unserer Ankunft bemerkten), so dass wir dann endlich um 2.00 (statt 22.00) loskamen. Erste Diskussionen, wie zu fahren sei. Auf meine Frage, warum wir über den Ryazanskij Prospekt, der nach Süd-Osten führt, Moskau verließen, wo Gulin doch meinte, wir führen nach Smolensk, was im Westen der Stadt liegt, hob ein neues Palaver an, wo wir nun eigentlich hinführen. schließlich wurde klar, dass wir Tatsächlich nach Ryazan mussten, unser Fahrer aus irgendwelchen Gründen nur ständig Ryazan mit Smolensk verwechselte. Die Bangigkeit in meinem Herzen wuchs weiter, Zeit für das erste Bier.

Erstaunlicherweise verlief die weitere Fahrt ohne nennenswerte Zwischenfälle, wenn man mal davon absieht, dass die Sitze mir ein Gefühl verschafften, als sei ich als Ketzer in die Hände der heiligen Inquisition geraten.

Nach Ryazan, ungefähr 50km vor unserem Ziel, kamen wir in eine reichlich eindrucksvolle Landschaft: Regen und Schmelzwasser auf lehmigen und/oder gefrorenem Boden hatten die gesamte Gegend in eine Seenplatte verwandelt, aus der nur einige Dörfer und Waldstücke als Inseln aufragten. Die Strasse verlief als Damm durch diese surreale Landschaft, teilweise kilometerlang zu beiden Seiten von fast endlos scheinenden Wasserflächen gesäumt. Im Sommer, so wurde mir erklärt, nach wochenlangem Sonnenschein mit großer Hitze, verschwinden diese Seen vollständig und geben saftige Weiden frei.

An einer besonders schönen Stelle, hielten wir an (es war 6.00 in der früh) und tranken zu fünft die erste Flasche Vodka aus (0,5 L). Ich hatte mich zunächst gesträubt, doch hieß es, das sei an dieser Stelle Tradition, Kneifen gebe es nicht, und Außerdem sei Vodkatrinken ja ein Hauptzweck der Veranstaltung. Stimmte natürlich, und da ich vor 11.00 morgens geistig völlig wehrlos bin, fielen mir leider keine stichhaltigen Gegenargumente ein und ich fügte mich ins Unvermeidbare, bestand aber auf solide Speisebegleitung. Wahrscheinlich blieb daher die erwartete verheerende Wirkung aus und so waren wir nur etwas euphorisiert, als wir unser Ziel erreichten. Diese Euphorie war aber auch dringend nötig: Das „Haus“ war eine besser erhaltene Ruine. Die Fenster eingeschlagen, das Dach undicht, das Innere verdreckt, mit einer Schicht aus Staub und Schimmel überzogen, und im (selbstverständlich nicht funktionierendem) Kühlschrank Konserven und Soßenreste, deren einzig adäquate Verwendung die als biologische Kampfstoffe gewesen wäre. Gulin, Svetlana und ich schauten uns in panischem Schrecken an und gingen wortlos zum Auto, um die nächste Flasche Vodka zu öffnen. Derweil machten sich unsere anderen beiden Mitfahrer, die die Örtlichkeit schon kannten, an die Aufräumarbeiten. Nach einigen Schrauberein gelang es, den Strom wieder anzuschließen, den Kühlschrank, einen Elektroheizkörper und einen Elektroherd anzuwerfen. Der völlig versyphte Teppich wurde rausgezerrt und über den Zaun gehängt, so wie die feuchten Matratzen, auf das alles in der Sonne trockne. Mit ein paar Glasresten, die wir auf dem Dachboden fanden, flickten wir die Löcher in den Fenstern, und nachdem wir Wasser von der nahen Quelle geholt hatten (fließend Wasser gab’s natürlich nicht), wurde das Innere des Hauses einer mehr oder minder gründlichen Reinigung unterzogen, so dass man sich dort wenigstens einigermaßen ekelfrei bewegen konnte. Das überaus erfreuliche am Haus war, dass es, im Gegensatz zu den üblichen russischen Bauernhäusern, nicht aus Holz, sondern aus Stein war. Der Grund hierfür lag in einer historischen Besonderheit: Vor 150 Jahren war in der Gegend dort die erste russische Ziegelsteinfabrik eröffnet worden, was zur Folge hatte, dass die Häuser der umliegenden Dörfer zum Grossteil aus eben diesen Ziegeln gebaut wurden und so etwas an die einfachen Bauernhäuser ärmlicher märkischer Dörfer erinnern. Der Vorteil der Steinbauweise war, dass der Innenraum des Hauses, sobald die Fenster wieder weitgehend dicht waren und die „Heizung“ lief, nachts wohlig warm blieb und tagsüber, als es draußen richtig heiß wurde, angenehm kühl war. Außerdem zog es auch nicht, als am dritten Tag das Wetter richtig mies wurde, mit Sturm und Regen (dafür tropfte es dann durchs Dach, so dass Svetik und ich mit einem riesigen Trog zwischen uns im Bett schlafen durften, um nicht hinweggeschwemmt zu werden).

Nachdem wir etwas auf der Wiese vor dem Haus geschlafen hatten, machten wir uns auf in die nächste etwas größere Ortschaft, um uns zu verproviantieren. Der Weg dorthin führte über Sandpisten, die alle Nase lang von tiefen Schlammlöchern unterbrochen wurde. Asphaltierte Strassen gibt es da nur zwischen den Hauptorten, d.h. die nächste solche war von uns ca. 10km entfernt. Ziel war, eine Fähre zu erreichen, die anstelle einer Brücke den Fluss überquert, an der die angestrebte Ortschaft lag (dieses, nach russischen Maßstäben „Flüsschen“ war übrigens ungefähr so breit wie die Elbe bei Magdeburg). Da wir alle schon, bzw. noch unter einem gewissen Alkoholeinfluss standen (die Reinigung des Hauses war natürlich auch begossen worden), meinten unser Pilot und sein Beifahrer, testen zu müssen, wie weit den die Geländegängigkeit unseres UAZik denn nun wirklich reiche. Mit anderen Worten, jede, aber auch wirklich jede größere Pfütze (die zuweilen durchaus das Ausmaß von kleinen Tümpeln hatten) wurde durchquert, unter Frohlocken und hektischen Diskussionen, welcher Antrieb (Vorderrad, Rückrad, Allrad) dabei am besten zu verwenden sei – und vor allem, wie man den denn nun einschalte. Die Rückbank ergab sich derweil in Ihr Schicksal und begann Bier zu trinken.

Auf einmal ein begeisterter Aufschrei des Beifahrers: „Boah, schau mal da! Los da lang, vielleicht (sic!) kommen wir ja durch.“ Anlauf genommen, rein in den Kleinteich, kurze verzweifelte Frage von vorne: „Scheiße, in welchem Regime fahren wir eigentlich?“, Räderdurchdrehen, Verröcheln des Motors und Glucksen des schlammigen Wassers in dem unser Gefährt langsam zu versinken begann. Die Rückbank verließ nun in einer aufwendigen Kletteraktion den Wagen und rettete sich ans Ufer (wir waren nur zu zweit: Sveta hatte es klugerweise vorgezogen beim Haus zu bleiben und weiter zu schlafen), Während Pilot und Co-Pilot fassungslos und von Schreck und Vodka betäubt in einer Pfütze mit den Ausmaßen eines veritablen Goldfischteichs zusammen mit einem der geländegängigsten Fahrzeuge der Welt immer tiefer versanken. Nach langem hin-und-her war klar, dass wir hier ohne Traktor nicht weiterkommen würden. Um aber den Sinkprozess aufzuhalten, wurde erst einmal der Beifahrer mit 130kg Lebendgewicht unter Drohungen und Lockungen aus dem Wagen an Land befördert, worauf sich das Auto Tatsächlich wieder etwas aus der Grütze erhob.

Danach zu zweit ins Dorf, um einen Traktor aufzutreiben, was sich als nicht ganz einfach erwies: Im ganzen 1500-Seelen-Dorf gab es nur drei funktionierende Traktoren (der Rest der Leute pflügt mit Pferd und (teilweise) Holzpflug (derweil ganze Kolchos-Maschinenparks wegen Ersatzteilmangel und Gleichgültigkeit der Leute unter offenem Himmel verrotten). Ein Traktor war auf dem Feld, einer war nicht aufzutreiben und der Fahrer des dritten war in einem derart verkaterten Zustand (es war ja auch erst 12.00 Mittags), dass wir ca. 10 Minuten brauchten, um ihm klarzumachen, was wir wollten. Überhaupt stellte sich heraus, dass das Saufen auf den Dörfern (zumindest dort, wo wir waren) wirklich fiese Ausmaße hat: Tatsächlich jeder, mit dem wir auf unserer Suche sprachen, hatte eine Fahne, die meisten irgendwelche Blessuren, die sichtlich von einer handgreiflichen Auseinandersetzung im Vollrausch herrührten, und einer war obendrein von oben bis unten zugekotzt. Dabei wirkte er nicht wie der Dorfspritti, sondern war eindeutig „nur“ nach einer „ereignisreichen Nacht“ auf dem Weg nach Hause.

Schließlich hatte der Traktorist begriffen, was wir von ihm wollten und erklärte sich unter Maulen bereit, uns gegen einen kleinen Obolus zu helfen. Als ich sah, wie er sein Arbeitsgerät erklomm, verflüchtigten sich meine Bedenken, ob nicht unser Fahrer vielleicht doch zu sehr dem Alkohol zugesprochen habe. Im Vergleich mit dem Knaben (und noch einigen anderen, die ich im Dorf gesehen hatte), wurden wir von einem Temperenzler chauffiert.

Alles weiter lief nun recht schnell: Im dritten Versuch (man hätte ja auch vorher bemerken können, dass aus unerfindlichen Gründen die Handbremse unseres Vehikels angezogen war) gelang es endlich, den Wagen aus dem Schlamassel zu ziehen. Die weitere Wegstrecke bis zur Fähre fuhren unsere „Shumakhery“ kleinlaut, vorsichtig und ohne weitere Zwischenfälle. Nur das hämisch Fingerzeigen der Dorfbewohner, das uns auf dem Weg durch die Ortschaft begleitete, war reichlich demütigend.

Auf der Rückfahrt kam uns der Traktorist frisch wie ein, naja, etwas verregneter Frühlingsmorgen auf seinem Arbeitsgerät entgegen, fein gemacht mit aufgebretzelter Dorfmaid auf dem „Beifahrersitz“ Richtung Dorfladen, wo’s was zu Trinken gab. Sichtlich wurden unsere 100 Rubel Schleppgeld sofort eingesetzt, um Geist und Fleisch zu erfreuen.

In der Kleinstadt selber war nur eins bemerkenswert: obwohl wir uns in einem Gebiet befanden, das von der Landwirtschaft lebte, Landwirtschaftsprodukte eigentlich billig hätten sein sollen, waren die Preise wie in Moskau, teilweise höher. Das liegt zum Grossteil daran, dass die meisten Bauern nur für den Eigenbedarf wirtschaften und – selbst wenn sie wollten – wegen ihrer technischen Ausrüstung (siehe oben), wenn Überhaupt, nur geringfügigen Überschuss für den Verkauf produzieren. Und dann auch nur dass, was so landläufig da wächst, Gewächshäuser gibt es nicht und besondere Anstrengungen, etwas Originelleres und Profitableres anzupflanzen, finden nicht statt (in Gegensatz zu meinem Schwiegervater, der es hinbekommt, in Sibirien erfolgreich Wassermelonen anzupflanzen). Aus diesem Grund müssen Lebensmittel in dieses an sich fruchtbare Gebiet eingeführt werden (alles industriell produzierte sowieso), was bei der kaum vorhandenen Infrastruktur reichlich aufwändig ist. Bestrebungen, dies zu ändern sind nicht erkennbar. Die Leute nehmen’s hin und fertig. Überhaupt ist die Gleichgültigkeit der Landbevölkerung erschreckend, selbst meine Moskauer Freunde sind immer wieder fassungslos: wenn der Strom im Dorf ausfällt, leben die eher e1-2 Wochen ohne Strom als so schnell wie möglich die 15 km zur nächsten Administration zu fahren, damit die Situation bereinigt wird. Als die Pumpe der Quelle im Dorf (die einzige Möglichkeit, Trinkwasser zu beziehen) kaputt ging, wurde nicht die Pumpe repariert, sondern die Abdeckung der Quelle aufgebrochen, um die Eimer direkt ins Wasser zu tauchen. In die offene Quelle weht nun alles mögliche Zeugs rein, das sich mit dem Dreck von den Außenwänden der Eimer mischt und so dafür sorgt, dass das Wasser zwar zum Waschen benutzt werden kann, Trinkwasser aber im Geschäft gekauft werden muss – oder man trinkt eben diese zweifelhafte Mischung. An reparieren denkt keiner.

Spaßig war zu beobachten, wie wir selber allmählich das Freizeitverhalten russischer Dorfomas übernahmen, da es dort im Haus weder Radio noch Fernsehen gab (den Ghettoblaster hatten wir ja in Moskau im Hof stehen lassen): Im Garten vor dem Haus sitzen und beobachten, was sich auf der Dorfstrasse den Tag über so tut. Allerlei Nutzgetier verschiedener Größe (Hühner, Enten Ziegen, Pferde) trieb sich frei oder vom fluchenden Besitzer verfolgt dort herum; unterschiedliche Grade alkoholischer Intoxikation und ihre Wirkung auf die Gehfähigkeit des Trinkers ließen sich beobachten usw. All das wurde mit großem Interesse verfolgt und kommentiert – Zeitreise in eine andere Welt.

Am dritten Tag machten wir uns auf die Rückfahrt, die ereignislos verlief (von einem Beinahe-Frontalzusammenstoss mit einem Kleinlaster mal abgesehen). Als wir uns Moskau näherten, sahen wir am Horizont das Feuerwerk aus Anlass des 9. Mai an mehreren Stellen über der Stadt aufleuchten – klasse Anblick, auf eine riesige Stadt zuzufahren, die von gut einem Dutzend bombastischer Feuerwerke erleuchtet wird. Das haben sich anscheinend auch viele andere Fahrer gedacht, jedenfalls war auf allen Brücken, über die wir mussten, und von denen der Blick auf die Stadt besonders gut war, ein bis eineinhalb Fahrstreifen auf der rechten Seite blockiert, da die Leute einfach anhielten, ausstiegen und das Feuerwerk anschauten. In Moskau selber war der innere Stadtautobahnring mit Fußgängern überflutet, die sich von dort das Spektakel angesehen hatten und nun, da ja die Innenstadt und alle Strassen dorthin gesperrt waren, versuchten, über eben jenen Ring an eine U-Bahnstation zu gelangen, um von dort nach hause zu fahren. Superchaos und extrem gefährliche Situation, aber Hauptsache Herr Putin und seine westlichen Gäste hatten eine ruhige und angenehme Feier.

Letztens habe ich von unserem Finanzdirektor einen erstaunlichen Einblick in östliches Denken erhalten (der Mann ist Tatare aus Astrakhan), das aber in der Form stark die russische Mentalität beeinflusst: Er klagte mir sein Leid, er habe für seinen Sohn und seine Frau einen Österreich-Trip in einem Reisebüro gekauft. Kurz nach der Ankunft stellte sich heraus, dass man sie über den Tisch gezogen hatte – die Hälfte der angepriesenen Serviceleistungen fand schlichtweg nicht statt. Als ich ihn fragte, warum er den Laden denn nicht verklage, meinte er: „Wer klagt, zeigt damit, dass er nicht die Beziehungen hat, die Sache anders zu regeln – und solche Leute kriegen vor Gericht so gut wie nie Recht.“ So absurd das klingen mag, es hat seine eigene verdrehte Logik.

Letztes Wochenende waren wir in einem Park, in dem sich zum Bräunen und Baden eine große Zahl Erholungswilliger niedergelassen hatte (ähnlich der „Wiese“ am Schlachtensee in Berlin). Wie wir so dasaßen kamen drei durchaus gepflegte aussehende aber sichtlich fröhliche Rentner angeschwankt. Vor einem Gebüsch hielt der eine abrupt an, die Fröhlichkeit verschwand schlagartig und erbrach sich im Strahl in die Botanik. Ansatzlos. Der Druck war so groß, dass das Gebiss des guten Mannes im hohen Bogen mit dem Mageninhalt durch die Luft flog und im Grünen verschwand. Ratloses Starren, danach auf alle Viere, das teure Stück aus Unterholz und Mittagessen herausgeklaubt, mit Vodka abgespült, wieder eingesetzt – und weitergeschwankt, neuen Abenteuern entgegen.

Zu demThemenkomplex gibt’s eine schöne Redensart hier. Auf die Frage „wie war’s gestern?“ folgt die Antwort „Viel zum erinnern, aber wenig den Kindern zu erzählen“.

Zum Schluss noch die Story, wie es kam, das Sverik nun doch offiziell Siewert heißt. Ist zwar genau genommen eine Berlin-Story, gleichwohl aber sehr russisch, deshalb passt sie gut hierher.

Wie schon in einem meiner früheren Reports berichtet, brauchten wir eine Eintragung der Russischen Botschaft in Berlin in Svetlanas Pass, dass Svetik wirklich Siewert und nicht Zivert heißt, damit wir unsere Ehe in Deutschland anerkannt bekommen. Sollte 40 Euro kosten und kein Problem sein, hieß es am Telefon. Bei unserem letzten Kurzbesuch in Berlin Svetik also zum Konsulat. Dort erklärte man ihr, dass am Tag nur 30 Anfragen bearbeitet würden und dass sie für den Tag schon Wartenummer 186 habe. Sie könne ja versuchen, morgen ab 3.00 früh sich anzustellen, aber das sei auch keine Garantie den Eintrag zeitig zu bekommen, da so was üblicherweise zwei Werktage dauere (wir hatten nur einen Tag dafür). Sveta schwer geknickt meiner Mutter die Sache erzaehlt, Muttern sich sofort mit einer russischen Nachbarin kurzgeschlossen, die ihr die Telefonnummer einer Russin gab, Gattin eines Botschaftsangestellten, die eine Lizenz habe, an allen Schlangen vorbei Dokumente zur Bearbeitung im Konsulat einzureichen. Svetik dort angerufen, die Frau hatte so einen Fall noch nie erlebt, versprach aber, es zu versuchen. Svetik fuhr hin, gab alle Dokumente ab und nach zwei Stunden (!) hatte sie ihren Pass wieder, mit dem nötigen Eintrag. Gekostet hat der ganze Spaß statt 40 Euro denn auch nur 25,-: 15,- für die Botschaft, 10,- für die Vermittlerin. Sehr russisch das ganze: die Bürokratie stellt dich vor scheinbar unüberwindbare Hürden, dann bekommst Du über Bekannte Kontakt zu jemandem, der Beziehungen hat – und schließlich geht dann doch fast alles mehr oder minder problemlos über die Bühne. Aber auf jeden Fall ist es ein Nervenkrieg, Gerenne, Stress und Zeitverschwendung.

Okay, das war’s so weit. Am 29.7. fahre ich in Urlaub (Svetik kann nicht, sie hat ihren Jahresurlaub beim Englischlernen auf Malta verbraten): mit einem Kumpel mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Vladivostok. Reine Fahrzeit sind sieben Tage. Unterwegs machen wir aber zweimal Halt: in Omsk (da wohnt Vadiks Schwiegermutter) und am Baikalsee, wo wir für vier Tage in einem Feriencamp mitten in der Natur etwas Frischluft, Ruhe und Abenteuer tanken werden. Nach unserer Ankunft bleibe ich noch vier Tage in Vladivostok, da Vadik dort aufgewachsen ist, dort seine ganzen alten Kumpels wohnen und dementsprechend Gesellschaft für kurzweilige Abende garantiert ist. Außerdem habe ich einen kompetenten Stadtführer. Davon dann in meinem nächsten Bericht.

Aktualisiert am
13.05.2017
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